Die Kolonie Vondern

Im Jahre 1905 beschäftigte die Zeche Vondern 1300 Mitarbeiter, die bis zum Jahresende 275000 t Kohle an das Tageslicht brachten. Damit war aber die junge Schachtanlage – sie Zeche Vondernging erst 1903 in Betrieb – noch lange nicht ausgelastet. Die GHH suchte und fand die zur Fördersteigerung erforderlichen Bergleute meist in den preußischen Ostgebieten, die zu-sätzlichen Aufsichtspersonen kamen weiterhin aus dem Ruhrrevier und dem Aachener Raum.

Zeche Vondern 1903 Postkarte: Sammlung Heinrich Ströver

Die neuen Mitarbeiter brauchten natürlich auch Wohnungen. Den zwischen der Schloßstraße und der Bruchstraße (heute Arminstraße) gelegenen Baugrund für eine neue "Arbeiter- und Beamtenkolonie" erwarb die Gesellschaft in Erbpacht von Graf Droste zu Vischering von Nesselrode-Reichenstein.
Wie wir in der Kolonie Stemmersberg gesehen haben, verließen die Werks-Architekten seit 1905 bei der Planung der Arbeiterhäuser, dem Zeitgeist entsprechend, den zwar eintönigen aber zweckmäßigen Kreuzgrundriß. Sie griffen den aus England kommenden Gartenstadtgedanken auf und führten in Vondern erstmalig eine Straße – die Glückaufstraße – und die von ihr ausgehenden Verbindungen zur Schloßstraße und zur heutigen Arminstraße nicht gradlinig sondern geschwungen durch die Kolonie. Neben der Auflockerung des Straßenbildes durch Vorgärten und Bäume richteten die Baumeister ihr Augenmerk verstärkt auf die Variation der verputzten Fassaden und Dachstühle, wobei sie sich hier auf wenige Haustypen beschränkten. Die Wohnungen in den eineinhalbstöckigen Zwei- und Vierfamilienhäusern hatten separate Eingänge, drei oder vier Zimmer und in einem Anbau Stall und Toilette, die die Bewohner innerhalb des Hauses erreichen konnten.
Weil die Gemeinde auch die Verbindungsstraßen "Glückaufstraße" nannte, sprach der Volksmund sehr früh von der "Glück-auf-Siedlung", die offizielle Bezeichnung war allerdings zunächst "Kolonie Vonderbruch". Erst in den 1920er Jahren setzte sich der heute gebräuchliche Name durch. Der neue Ortsteil entstand zwischen 1906 und 1914. In sechs Bauabschnitten errichtete die GHH an der Arminstraße, Schloßstraße, Glückaufstraße, Breilstraße und Wiesenstraße 83 Häuser mit 279 Wohnungen, eine Konsumfiliale mit Beamtenkasino und einen Kindergarten. Die Burg Vondern mit ihren umliegenden Ländereien teilte die Kolonie: westlich wohnten die Arbeiter, die Häuser auf der östlichen Seite waren den "Zechenbeamten", also den Steigern, Fahrsteigern und dem Betriebsführer, vorbehalten.

Skizze Kolonie Vondern

Den am 25.05.1906 eingereichten ersten Bauantrag für 29 Häuser mit 106 Wohnungen, für den der Architekt Schwarz verantwortlich zeichnete, leitete Amtmann Langweg an den Landrat in Recklinghausen weiter mit der Bemerkung: "Die Häuser sollen außerhalb einer im Zusammenhang gebauten Ortschaft, für die ein Bebauungsplan nicht besteht, errichtet werden. Also ist eine Ansiedlungsgenehmigung erforderlich."  In der Ansiedlungsgenehmigung setzte der zuständige Kreisausschuß die Höhe der Zahlungen fest, die der Antragsteller für den Ausbau der Infrastruktur sowohl an die Kommune, als auch die beiden kirchlichen Gemeinden leisten mußte.
Da die Zeit wegen der Wohnungsnot wieder einmal drängte, ließ der Bauherr den ersten Spatenstich ausführen, obgleich noch keine schriftliche Erlaubnis vorlag. Der Amtmann ahndete diesen Verstoß nicht, deshalb konnten 106 Familien schon im November ihr Heim beziehen.
Als die Gutehoffnungshütte die bereits aus 150 Wohnungen bestehende Siedlung 1911 nochmals um 50 Einheiten erweitern wollte, verlangte der Landrat die kostenlose Bereitstellung einer standesgemäßen Wohnung für einen Polizeibeamten. Nach dem Bergarbeiterstreik von 1905 hielten es die Behörden nämlich für erforderlich, in jeder größeren Kolonie einen Polizisten zu stationieren, der auch dort wohnte.
Die GHH erfüllte diese Auflage ein Jahr später und reservierte für die Gemeinde "in einem Beamtenwohnhaus für vier Familien an der Glückaufstraße" eine Wohnung. Entgegen den Gepflogenheiten setzte die Genehmigungsbehörde für diesen Neubau die gleichen Abgaben an die Gemeinde wie für ein "Arbeiterhaus" fest und begründete die Entscheidung so:
"… Dieselbe Festsetzung wurde auch getroffen für 3 Wohnungen des als Beamtenwohnhaus bezeichneten Vierfamilienhauses, da dieses seiner ganzen Einrichtung nach, besonders was die vorgesehenen Zimmer anbetrifft, die Annahme begründet erscheinen läßt, daß es nur von sogenannten kleinen Beamten (Meistern pp.) bewohnt werden wird, die den Arbeitern wirtschaftlich nahezu gleichstehen und somit nicht durch erhöhte Steuerleistungen die durch sie verursachten Aufwendungen decken."
Insgesamt hat der Bauherr für jede Wohnung durchschnittlich 265 Mark Ansiedlungsgebühren an das Amt Osterfeld sowie an die katholische und die evangelische Kirchengemeinde abgeführt.
Im Sommer 1912 bezog der Polizei-Sergeant Wilhelm Meyer-Drever zunächst das Haus Glückaufstraße 14, wechselte dann aber im November in den fertiggestellten Neubau Glückaufstraße 18.

Der Konsum und das Kasino

In Vondern ließ die Gutehoffnungshütte erstmalig in einer Kolonie neben der Filiale des Hüttenkonsums auch ein "Beamtenkasino" bauen. Das 1910 nach den Plänen des Architekten Stephany fertiggestellte repräsentative Gebäude an der Arminstraße (heute Hausnummer 53) beherbergte beide Einrichtungen unter einem Dach.

Die "Verkaufsanstalt IV" bot den Belegschaftsmitgliedern gegen Barzahlung nicht nur Lebensmittel aller Art, sondern auch Haushaltswaren und Arbeitskleidung zu günstigen Preisen an. Zusätzlich erhielten die Kunden am Jahresende den erwirtschafteten Überschuß als Rabatt vergütet. Bei so vielen Vorteilen direkt vor der Haustür erübrigte sich für die Frauen der Fußmarsch ins "Dorf".

Konsum und Kasino Vondern 1910

Gleicher Blickwinkel im Juni 2007

Der Konsum und das Kasino Vondern 1910
Den "Beamten standen im Kasino neben der Gastronomie auch Gesellschaftsräume, ein Saal und eine Kegelbahn zur Verfügung.

Etwa der gleiche Blickwinkel im Juni 2007
Das Kasino fiel im Zweiten Weltkrieg einer Fliegerbombe zum Opfer. 1962 entstand an seiner Stelle ein modernes Wohnhaus. Ein Teil der Kegelbahn ist erhalten

In einem Anbau stellte die GHH den "Beamten" der Zeche Vondern die Räume für ein Kasino zur Verfügung. Wie auf fast allen Schachtanlagen im Ruhrgebiet gab es nämlich auch auf dieser Zeche einen "Verein der technischen Grubenbeamten". Der hatte sich unter dem Vorsitz des Betriebsführers neben der fachlichen und der allgemeinen Bildung auch die Freizeitgestaltung seiner Mitglieder auf die Fahnen geschrieben. Vorträge über bergtechnische Themen, Dichterlesungen und Theateraufführungen füllten jeden Monat den offiziellen Abend aus. Einige sportbegeisterte Herren trafen sich zusätzlich wöchentlich auf der Kegelbahn. Je ein großes Familienfest im Sommer und im Winter bildeten die Höhepunkte des Vereinslebens. Auf diesen Veranstaltungen lernten sich auch die Damen näher kennen, die nicht in der Kolonie wohnten.
Die Vereinsmitglieder dachten offensichtlich auch außerhalb des Dienstes an ihre Arbeit, denn sie schmückten das gesamte Kasino mit bergmännischen Geräten aus, ein Raum war sogar wie eine untertägige Strecke ausgebaut. Freizeit und Beruf verbanden sich ebenfalls bei den regelmäßig angebotenen Grubenfahrten, auf denen die Teilnehmer sahen, wie ihre Nachbarn die Probleme lösten, mit denen sie selbst täglich kämpfen mußten.

Im Gegensatz zum Kasino konnte in die Gaststätte Grossholdermann an der Ecke Arminstraße/Breilstraße jedermann einkehren. Allerdings trafen sich die Beamten der Zeche auch hier in einem separaten Gesellschaftsraum, denn die Angst der Bergleute, sogar in der Freizeit von ihren Steigern überwacht zu werden, war im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts noch sehr ausgeprägt. Die Teilung der Kolonie hatte übrigens dieselbe Ursache.
Im Ruhrgebiet gab es damals beinahe vor jedem Zechentor eine Wirtschaft, weil es einfach dazugehörte, die gesundheitsschädlichen Wirkungen des Kohlenstaubs nach der Schicht mit einer "Steinpilskur" zu bekämpfen.
Aus Kostengründen trank man üblicherweise jedoch anstelle von Steinhäger einen Korn zum Pils. Der Wirt hatte sich auf die Wünsche seiner Gäste nach schneller Bedienung eingestellt: wenn die Kumpel bei ihm kurz den Heimweg unterbrachen, stand bereits für jeden "Stammkunden" ein gefülltes Schnaps- und Pilsglas auf dem Tresen. Und dabei blieb es denn auch meistens, dafür sorgten schon die Frauen.

Die Gaststätte Grossholdermann


Die Gaststätte Grossholdermann

Das Kasino fiel im Zweiten Weltkrieg einer Fliegerbombe zum Opfer. Es wurde nicht wieder aufgebaut. 1952 entstand an seiner Stelle ein modernes Wohnhaus.
Dagegen versorgte der Hüttenkonsum die Vonderner weiterhin mit den Dingen des täglichen Bedarfs, wenn auch ab 1953 unter neuem Namen. Bei der Entflechtung des GHH-Konzerns verlangten die Alliierten nämlich die Gründung einer neuen Gesellschaft, der "Verkaufsanstalten Oberhausen GmbH" (VA). Die Geschichte der VA und damit der "Verkaufsanstalt IV" endete 1984 mit dem Verkauf an die Spar AG. Später diente das umgebaute Ladenlokal ebenfalls als Wohnraum.

Die Kleinkinderschule

Die Gutehoffnungshütte feierte 1910 ihr 100jähriges Bestehen. Aus diesem Anlaß bewilligten Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens fast eine halbe Million Mark für den Bau von Jugendeinrichtungen in den Werkssiedlungen. Der international bekannte Architekt Bruno Möhring bekam 1911 den Auftrag, u. a. für die Kolonien Vondern und Stemmersberg "Kleinkinderschulen" zu planen.
Das Projekt in Vondern wurde zuerst gebaut und so konnte das imposante Haus mitten in der Kolonie (heute Glückaufstraße 15 B) bereits im April 1912 die ersten 50 Kinder im Vorschulalter aufnehmen.

Der Kindergarten 1920

Terrasse des Kindergarten

Der Kindergarten 1920 Auf dem Hof standen eine überdachte Terrasse mit Liegestühlen, ein Sandkasten, Turngeräte und ein Garten, den die Kinder selbst "bewirtschafteten", zur Verfügung

Ein Facharzt untersuchte die Kinder dreimal im Jahr, um gesundheitliche Schäden frühzeitig zu erkennen.

Einige Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914) richtete die GHH auf Wunsch der Eltern für die schulentlassenen Mädchen eine Handarbeitsschule ein. Zwei festangestellte Gewerbelehrerinnen sollten "die Schülerinnen dahin bringen, daß sie alle Näh-, Flick- und sonstigen Handarbeiten, die eine Arbeiterfrau in ihrem Haushalt zur Befriedigung des Bedarfs der eigenen Familie beherrschen muß, selbständig leisten können."
Ausgebildete Kinderkrankenschwestern berieten die jungen Mütter in regelmäßig abgehaltenen Sprechstunden bei der Pflege ihrer Säuglinge. Die Kosten für alle Angebote übernahm zunächst die Firma. Später mußten die Eltern für den Kindergarten im Quartal 1,00 RM und für jedes Kind im Hort monatlich 0,20 RM zahlen.
Anfang 1945 schloß die GHH den Kindergarten vorläufig, weil sie die Sicherheit der Kinder wegen der immer stärker werdenden Bombenangriffe nicht mehr gewährleisten konnte. Diese Schließung war jedoch endgültig.

Die Mütterberatung um 1920

Die Handarbeitsschule 1914

Die Mütterberatung um 1920

Die Handarbeitsschule 1914

Der Kindergarten um 1930

1963 mietete die Pfarre St. Pankratius Osterfeld das Haus als "Filiale" ihres Kindergartens.  Die Kindergärtnerinnen betreuten hier exakt 10 Jahre lang an 6 Tagen in der Woche bis zu 60 Kinder aus den Kolonien Vondern und Dellwig. Schließlich lohnte sich der Betrieb nicht mehr, weil die Gruppen immer weiter schrumpften.

Der Kindergarten um 1930

Erst 1977 richtete die Arbeiterwohlfahrt (AWO) das Gebäude mit vielen ehrenamtlichen Helfern als "Bürgerhaus" ein. Die Hermann-Albertz-Stiftung, die Industrie-Gewerkschaft Bergbau, die Falken und die Vonderner Karnevalisten fanden hier eine Bleibe. Aber auch für private Feste standen Räume zur Verfügung.
Leider kam schon 1985 das "Aus" für das Projekt. Die Mieteinnahmen reichten bei weitem nicht aus, die Kosten zu decken, und dem Träger fehlte das Geld, das Defizit weiterhin auszugleichen. Weil sich kein Nachmieter fand, stand die Immobilie lange leer.

Die Kolonie heute

Die Kolonie Vondern zählte als erste nach den Prinzipien der Gartenstadt gestaltete Werkssiedlung in Oberhausen zu den schönsten im Ruhrgebiet. Trotzdem gelang es nicht, sie unter Denkmalschutz zu stellen und sie so im Originalzustand für die Nachwelt zu erhalten. Im Laufe der Zeit hatten einige Mieter nämlich auf eigene Kosten Umbauten an Haus und Garten vorgenommen, dadurch verlor das Kleinod viel von seinem ursprünglichen Charme.
Der Rat der Stadt wollte retten, was noch zu retten war, und verabschiedete 1996 die "Gestaltungssatzung Vondern-Siedlung". Diese legte den Rahmen für zulässige Renovierungen und Anbauten genau fest, um "das Erscheinungsbild der Siedlung 'Kolonie Vondern' zu erhalten und störende Veränderungen auszuschließen, die das charakteristische Bild der Siedlung beeinträchtigen würden". Trotzdem sieht der aufmerksame Spaziergänger heute, mehr als 10 Jahre nach Inkrafttreten der Satzung, viele sehr eigenwillige "Verschönerungen".

Der ehemalige Kindergarten

Wohnhäuser an der Arminstr.

Die Aufnahmen vom Juni 2007zeigen oben links den ehemaligen Kindergarten der GHH, oben rechts Wohnhäuser an der Arminstraße und rechts den ehemaligen GHH-Konsum

Der ehemalige GHH-Konsum

1995 beschloß die Immeo Wohnen GmbH, Rechtsnachfolgerin von THYSSEN BAUEN UND WOHNEN, ihre Kolonie zu privatisieren. Bis auf 53, die sich im Mai 2007 noch nicht entschieden hatten, kauften die Mieter ihre Wohnungen.
Auch für die beiden Schmuckstücke fanden sich Liebhaber: Der neue Besitzer nutzt das Konsum-Gebäude vornehmlich als Wohnhaus, nur ein kleiner Teil beherbergt ein Nagelstudio. Im ehemaligen Kindergarten hat der Eigentümer neben Wohnungen auch Büro- und Gewerberäume eingerichtet.

Bleibt noch zu sagen, daß die Familie Nesselrode-Reichenstein die Erbpachtgrundstücke weder an die GHH noch an die Nachfolgegesellschaften verkauft hat. Auch nach der Privatisierung konnten die neuen Besitzer der Häuser den Grund und Boden nur in Erbpacht übernehmen. Seit kurzer Zeit besteht jedoch die Möglichkeit, die Grundstücke zu erwerben.

© Fritz Pamp

   

Suche  

   

Aktuelle Termine  

So 23. Jan 2022; 11:00 -
Sonntags - Matinee
Di 25. Jan 2022; 18:00 -
Sitzung der Bezirksvertretung
   

Terminkalender  

Januar 2022
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 31 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31 1 2 3 4 5 6
   
Copyright © 2022 Osterfelder Bürgerring e.V.. Alle Rechte vorbehalten.
© www.oberhausen-osterfeld.de

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.