Der Steinkohlenbergbau der Gutehoffnungshütte in Oberhausen

Die Zeche Vondern

Auf der Zeche Oberhausen nimmt die Gewinnungsteufe, das ist die Tiefe, in der die Bergleute die Kohle gewinnen, zwischen 1859 und 1898 von 180 m auf mehr als 500 m zu. Gleichzeitig entfernen sich die Abbaubetriebe immer weiter von den beiden, eng beieinanderliegenden Schächten und verteilen sich darüber hinaus noch auf mehrere Sohlen und Flöze. Dieser Betriebszuschnitt bringt große Probleme in der Wetterführung (Anm.: Wetterführung = Verteilung der Luft) mit sich, weil er nach dem damaligen Stand der Technik die Trennung der Frischluft von der verbrauchten Luft in den Strecken sehr erschwert. Aus diesem Grunde treten besonders in den stark ausgasenden Flözen der Fettkohlenpartien trotz drei leistungsfähiger Grubenlüfter, die zusammen 18 000 m³/min verbrauchte Luft absaugen, immer wieder gefährliche Ansammlungen explosibler Grubengas-Luftgemische (sogenannte Schlagwetter) auf. Am 14. April 1897 genügt ein kleiner Funke, um eine Explosion auszulösen, durch die 10 Bergleute ihr Leben einbüßen. Bei der Untersuchung des Unglücks kommen die Fachleute der Bergbehörde und der GHH zu der Erkenntnis, dass ein Frischluftschacht am Rande des Grubenfeldes die Schwierigkeiten zumindest verringern, wenn nicht sogar ganz beseitigen könnte.
Daraufhin läuft die Planung für den dritten Schacht der Zeche Oberhausen unverzüglich an. Als günstigsten Standort bezeichnet der Markscheider (Anm.: Markscheider = vereidigter Vermessungsingenieur einer Zeche) ein Grundstück in unmittelbarer Nähe der Burg Vondern in Osterfeld.

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Bild 01: Die Lage der Zeche Vondern auf einem Stadtplan von 1928 Bild 02: Die Zeche Vondern 1928

Der Vorstand beschließt, den Schacht "Oberhausen 3" mit 5 m Durchmesser niederbringen zu lassen. Es wird das bewährte Senkschachtverfahren angewendet.
Die Teufarbeiten beginnen 1898 zeitgleich mit dem Teufen des Schachtes "Osterfeld 2". Sie verlaufen recht zügig und ohne nennenswerte Komplikationen. Im Jahre 1900 erreicht der Schacht "Oberhausen 3" zunächst bei 166 m das Steinkohlengebirge. Am Jahresende befindet sich die Schachtsohle bereits 310 m unter der Tagesoberfläche.

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Bild 03: Der Ansatzpunkt des Schachtes

1902 stellt die Mannschaft in einer Tiefe von 500 m die geplante Verbindung zu einem Querschlag auf der 6. Sohle der Zeche Oberhausen her. Damit erfüllt "Oberhausen 3" seinen Zweck und versorgt das nördliche Baufeld mit frischen Wettern.
Da der Grubenbau bis zu seiner Endteufe viele bauwürdige Flöze durchfahren und dadurch unerwartet große Kohlenvorräte erschlossen hat, entscheiden die Verantwortlichen der GHH, den Schacht in "Vondern 1" umzubenennen und den Betrieb zügig zu einer selbständigen Doppelschachtanlage auszubauen.

Das Werk Sterkrade der GHH produziert und montiert 1903 anstelle der Teufausrüstung eine Förderanlage. Die dampfgetriebene Fördermaschine hat 7,5 m Trommeldurchmesser und kann jede der geplanten drei Fördersohlen mit zwei Körben bedienen. Als Seilgeschwindigkeiten erlaubt die Bergbehörde bei der Güterförderung 12 m/s und bei der Seilfahrt 8 m/s.
Gleichzeitig beginnen die Schachthauer, "Vondern 2" als zukünftigen Förderschacht mit einem Durchmesser von 6 m ebenfalls als Senkschacht zu teufen.

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Bild 04: Die Schachthauer bei der Arbeit

Eine andere Mannschaft setzt im Schacht "Vondern 1" die 1. (220 m-) Sohle, die 2. (310 m-) und die 3. (411 m-) Sohle aus. Nun können die ersten Vorrichtungsstrecken aufgefahren und die Abbaubetriebe eingerichtet werden.
Zwischenzeitlich bauen GHH-Monteure eine zweite Förderanlage ein, die von einer Dampfmaschine mit Koepescheibe angetrieben und zur 2. Sohle eingebunden wird.

Im zweiten Quartal 1903 fördert die Zeche Vondern mit 180 Bergleuten die ersten Kohlen. Bis zum Jahresende kommen 57.000 t zutage. Für den Abtransport der Produkte und für die Anlieferung der benötigten Materialien erhält die neue Zeche 1904 einen Anschluß an das Werksbahnnetz der GHH und damit mittelbar auch an die Staatsbahn.

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Bild 05: Eine Lokomotive der Werksbahn Bild 06: Eine Trommelfördermaschine der GHH

Zum Jahresende 1904 erreicht der Schacht "Vondern 2" problemlos die 3. Sohle und geht im folgenden Jahr als einziehender Hauptförderschacht in Betrieb. Eine Dampfmaschine mit 6,4 m Trommeldurchmesser dient als Hauptfördermaschine. Für die Nebenförderung liefert die GHH die gleiche Anlage wie am Schacht 1.

Die Zeche braucht natürlich auch einen Abwetterschacht. Diese Funktion soll der Schacht "Vondern 1" übernehmen. Deshalb installieren Monteure hier zwei von Dampfmaschinen angetriebene Grubenlüfter, die in der Lage sind, zusammen 13.000 m³/min verbrauchte Luft aus der Grube abzusaugen.
Die Zeche Vondern betreibt keine eigene Wasserhaltung. Das anfallende Wasser fließt der Zeche Oberhausen zu und wird dort von der 7. Sohle getrennt vom Oberhausener Wasser gehoben. Den Grund für diese Maßnahme schildert der Redakteur des General-Anzeigers dreißig Jahre später, am 4. April 1935, in seinem Bericht über die Eröffnung des Schaubetriebes auf der (1931 stillgelegten) Zeche Oberhausen recht anschaulich:
"Dammtüren siehst du da unten, Transportbänder und Schüttelrutschen – und flinke Grubenbächlein von Unterquellwasser, die von Jacobi, Vondern und Roland herkommen und von hier unten ans Tageslicht gepumpt werden, um oberirdisch jauchzend in die Emscher zu fließen.
Zwei getrennte Sümpfe (Anm.: Sumpf = Sammelstrecke für Grubenwasser) hat man für sie angelegt, weil die Brüder sich nicht recht vertragen und bei ihrem Zusammentreffen Schwerspat von sich geben, das die Pumpen vermasselt."

Die GHH baut in der Nähe der neuen Zeche zwischen Bruchstraße (heute Arminstraße) und dem Rangierbahnhof eine Kolonie mit 279 Wohnungen in 83 Häusern und bietet so vielen Belegschaftsmitgliedern eine preiswerte Wohnung.

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Bild 07: Die Zeche Vondern 1903. Der Schacht "Vondern 2" ist noch im Bau. Bild 08: Auf der Hauptfördersohle. Bei besonders günstigen Verhältnissen darf der Pferdeführer mit Genehmigung des Betriebsführers auf dem ersten Wagen mitfahren.

Im Jahre 1905 beschäftigt die Zeche Vondern 1.300 Mitarbeiter, davon 1.100 unter Tage. Die Förderung steigt auf 275.000 t. Wegen der kurzen Wege reichen 29 Pferde aus, um die beladenen Wagen zum Füllort und die "Leeren" zu den Ladestellen zu transportieren.

Weil sich die Vondern-Kohle gut zur Verkokung eignet, beschließt das Unternehmen, auf seiner jüngsten Schachtanlage auch eine Kokerei zu bauen. 1906 wird der Betrieb mit 60 Öfen und Nebengewinnungsanlagen für die Produktion von Ammoniaksalz und Teer seiner Bestimmung übergeben. Das anfallende Koksgas verwertet die Zeche in einem kleinen Kraftwerk auf eine für heutige Begriffe ungewöhnliche Art und Weise:

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Bild 09: Zwei "doppeltwirkende Viertakt-Koksofengasmotoren mit 94 Uml./Min." treiben zwei 1 MW-Drehstromgeneratoren an, welche die elektrische Energie in das Ringnetz der GHH einspeisen. Bild 10: Das Kraftwerk und die Kokerei Vondern 1910

Schon 1909 verdoppelt sich die Kapazität der Kokerei durch den Neubau von 60 Öfen auf 600 t je Tag.

Mitte des Jahres 1909 bricht unter Tage ein Brand aus, den die Grubenwehr zwar nicht löschen kann, aber durch großräumige Abdämmung unter Kontrolle bekommt. Menschenleben oder Verletzte fordert das Unglück nicht. Um die Förderausfälle so gering wie möglich zu halten, leitet man zur Brandbekämpfung Stickstoff in das abgedämmte Feld. Dieser frühe Inertisierungsversuch scheitert, weil es der damalige Stand der Technik nicht erlaubt, eine der Größe des Brandfeldes entsprechende Gasmenge zur Verfügung zu stellen. 1975 gelingt es auf dem Bergwerk Osterfeld erstmalig im deutschen Steinkohlenbergbau, einen Grubenbrand mit Stickstoff zu löschen.

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Bild 11: Ablöschen und Transport des Kokses Bild 12: Im Streckenvortrieb

Im Jahre 1910 beginnen die Gesteinshauer auf der 2. Sohle und auf der 3. Sohle mit der Streckenauffahrung zur 3.000 m nördlich geplanten Zeche Jacobi. Nur auf diese Weise läßt sich die Zielvorgabe der Unternehmensleitung erreichen, kurz nach Fertigstellung der JacobiSchächte die Kohlenförderung aufzunehmen. Der erste Spatenstich ist dort für 1912 geplant.

Im Schacht "Vondern 2" setzen die Schachthauer 1910 die Arbeiten fort und erreichen zum Jahresende die 4. Sohle.
Die auf 2.270 Mann angewachsene Belegschaft fördert 570.000 Tonnen Kohle mit der beachtlichen Leistung von 1 Tonne je Mann und Schicht.

Je länger die Förderwege in der Grube werden, desto deutlicher zeigen sich die Grenzen der Pferdeförderung. Deshalb beginnt die Zeche Vondern 1912, die Hauptstreckenförderung zu modernisieren. Der Geschäftsbericht der GHH hält fest:
"An die Stelle der bisherigen Pferdeförderung ist auf der 3. und 4. Sohle eine solche mittels Druckluftlokomotiven getreten. Es sind vorläufig 5 Druckluftlokomotiven in Betrieb, die von einer Hochdruckkompressoranlage über Tage gespeist werden."

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Bild 13: Die Druckluftlokomotiven führen die Antriebsenergie – auf 220 bar verdichtete Luft – in Hochdruckbehältern mit. In den Strecken gibt es in bestimmten Abständen "Zapfstellen", an denen die Lokführer ihre Maschine wieder befüllen können. Bild 14: Die Zeche Jacobi 1913. Zwei Verwaltungsgebäude flankieren das mit einem Glockenturm geschmückte Torhaus.

Die Streckenvortriebe in Richtung Jacobi verlaufen planmäßig. Im Dezember 1912 erreicht die Mannschaft auf der 2. Sohle Vondern das Füllort der 1. Sohle am Schacht "Jacobi 2", und im Juli 1913 erfolgt die zweite Verbindung auf der 2. Sohle Jacobi mit der 3. Sohle Vondern. Und weil die Bergleute der Zeche Vondern auch den ersten Abbaubetrieb fertig eingerichtet haben, steht der Förderaufnahme auf der nördlichen Nachbarzeche nichts im Wege.

Am Jahresende 1913 beschäftigt die Schachtanlage Vondern 2.242 Mitarbeiter und weist eine Förderung von 474.000 t aus.

Im Ersten Weltkrieg sinkt die Belegschaftszahl zunächst auf 1.358 Mann (1916), sie erholt sich jedoch bis zum Kriegsende durch den Einsatz von Kriegsgefangenen wieder auf 1.750. Die Förderung steigt dagegen wegen der vielen Überschichten bis 1917 auf 685.000 t und fällt erst im letzten Kriegsjahr als Folge der schlechter werdenden Lebensmittelversorgung auf 499.000 t ab.
Auch während des Krieges gelingt es der Werksleitung, den Ausbau der Zeche in bescheidenem Rahmen weiterzuführen. So gibt es beispielsweise seit Mai 1915 keine Pferde mehr in der Grube, weil Druckluftlokomotiven endgültig deren Arbeit übernommen haben, ein Jahr später stellt die Kokerei in einer neuen Anlage Benzol her.

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Bild 15: Eine Gruppe Kokereiarbeiter

Nach dem Waffenstillstand hat die Zeche Vondern mit den gleichen politisch bedingten Schwierigkeiten zu kämpfen wie die Zeche Osterfeld. Auch hier normalisieren sich die Verhältnisse erst 1921, als die Anlage mit 1.800 Leuten wieder eine Jahresförderung von 358.000 t erbringen kann. Im Streb haben sich die Abbauhämmer durchgesetzt. Die gelösten Kohlen werden über Schüttelrutschen und Gummigurtförderer zu den Ladestellen transportiert. Bei harter Kohle unterstützen Schrämmaschinen die Gewinnungsarbeit mit dem Abbauhammer.

In den Jahren 1930 und 1931 verschlechtert sich der Kohlenabsatz von Monat zu Monat. Die GHH versucht zunächst noch, die Förderung mit Feierschichten einigermaßen dem Absatz anzupassen. Es zeichnet sich aber immer deutlicher ab, dass sich das Problem auf Dauer nur mit erheblichen Betriebseinschränkungen lösen läßt. Das Unternehmen legt aus diesem Grunde 1931 die Zechen Hugo und Oberhausen still. Als das noch nicht ausreicht, fällt die Entscheidung, aus den Zechen Vondern und Jacobi ein Verbundbergwerk zu bilden und auf Vondern die Förderung einzustellen.

Am 15. Januar 1932 kommt auf der Zeche Vondern der letzte Kohlenwagen zutage. Die im Feld Vondern abgebauten Kohlen werden auf Jacobi gefördert.
Die Gesamtbelegschaft schrumpft von 3.140 auf 1.700 Mann. Mehr als 1.400 Bergleute verlieren ihre Arbeit und vergrößern das Heer der Erwerbslosen.

Der Tagesbetrieb und die Kokerei werden stillgelegt, einige nicht mehr benötigte Gebäude später abgerissen. Bis zum 30.09.1932 fahren auf Vondern noch Leute an. Dann stellt der Betrieb hier die Seilfahrt ein. Die Schächte bleiben zur Wetterführung offen.

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Bild 16: Obgleich nur noch der Grubenlüfter und eine elektrische Fördermaschine am Schacht 2 in Betrieb sind, bleiben viele Gebäude bis in die 1950er Jahre erhalten. Bild 17: 1956 wird am Schacht "Vondern 1" ein neuer Grubenlüfter installiert. Eine luftdichte Schachthalle nimmt die Stelle des Schachtgerüstes ein.

Bis 1956 verändert sich am Erscheinungsbild der Zeche nichts Wesentliches. Dann verschwindet mit dem Bau eines neuen Grubenlüfters das Schachtgerüst über "Vondern 1", weil der Schacht neben der Wetterführung keine weiteren Aufgaben erfüllen muß.

Am 1. Januar 1965 hebt die Hüttenwerk Oberhausen AG, Abteilung Bergbau, das Verbundbergwerk Jacobi/ Franz Haniel aus der Taufe.
Eine Änderung des Bewetterungskonzeptes macht den Lüfter auf Vondern überflüssig. Die Schächte "Vondern 1" (Teufe 508 m) und "Vondern 2" (Teufe 663 m) werden im Juli und August 1965 mit Waschbergen und Kies verfüllt; anschließend fallen die Gebäude restlos der Spitzhacke zum Opfer.

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Bild 18: Diese Schilder in der Brache Vondern markieren die Lage der Schächte.




Seit dem 1. August 1974 verläuft die Autobahn A 42 (Emscherschnellweg) über den ehemaligen Zechenplatz.

(c) Fritz Pamp

   

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