Der Steinkohlenbergbau der Gutehoffnungshütte in Oberhausen

Die Zeche Sterkrade

Das Ausbildungszentrum auf dem ehemaligen Kokereigelände von 1938 bis 1992

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre setzt die Gutehoffnungshütte in ihren Bergwerksbetrieben unter Tage in zunehmendem Maße Lokomotiven, Bohrmaschinen, Abbauhämmer, Gummigurtförderer und Schüttelrutschen ein. Parallel dazu steigt die erforderliche Anzahl von qualifizierten Mitarbeitern, die diese Betriebsmittel einbauen, bedienen, warten und in-standsetzen können. Die einzelnen Zechen führen deshalb unabhängig voneinander – teils auf sanften Druck der Bergbehörde – eine Reihe von Qualifizierungsmaßnahmen für ihre Belegschaften durch. Dabei machen sie nicht nur die Bedienungsmann-chaften, also die bergmännischen Hauer, mit den auf ihrer Anlage eingesetzten Maschinen vertraut, sondern auch die für den Einbau und die Reparatur zuständigen Schlosser.
Vor dieser Mechanisierungswelle hat es keine Probleme bereitet, die wenigen in den Werkstätten benötigten Schmiede, Dreher, Schlosser, Schreiner und Elektriker auf dem Arbeitsmarkt anzuwerben. Mit steigendem Bedarf wird dort das Angebot jedoch immer knapper, und die Schachtanlagen sind gezwungen, selbst Handwerker nach den seit 1921 einheitlichen, für den gesamten Ruhrbergbau geltenden Richtlinien auszubilden. Diese schreiben vor, dass "Zechenwerkstattlehrlinge" nur die oben genannten Berufe und nur unter der Aufsicht eines auf der Zeche angestellten Handwerksmeisters erlernen dürfen. Außerdem sind sie verpflichtet, außerhalb der Arbeitszeit die Berufsschule zu besuchen und ein Werkstattwochenbuch zu führen. Nach 3 Jahren können sie vor der Handwerkskammer ihre Gesellenprüfung ablegen.

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Bild 18 Bild 19: Das Ausbildungszentrum

1925 legt das Oberbergamt Dortmund in der "Bergpolizeiverordnung über die Befugnis zur Hauerarbeit" Regeln für die betriebliche Ausbildung der bergmännischen Hauer und der mit Sprengarbeiten befaßten Personen fest. Zukünftig dürfen vor Kohle nur Bergleute eingesetzt werden, die nach einem vom Oberbergamt genehmigten Plan ausgebildet sind und einen Hauerschein besitzen.
Bei der Ausbildung des bergmännischen Nachwuchses geht jede Gesellschaft ihre eigenen Wege, denn erst 1940 erkennt das Reichswirtschaftsministerium den Lehrberuf "Knappe im Steinkohlenbergbau" an und legt die Ausbildungsinhalte fest.
Das Konzept der GHH unterscheidet erwachsene Neubergleute und Bergjungleute. Die Neubergleute bleiben einen Monat zur Grundausbildung übertage und kommen anschließend als Schlepper in den Grubenbetrieb. Hier übernehmen erfahrene Hauer die weitere Anlernung.

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Bild 20: Bergjungleute nach ihrer ersten Grubenfahrt

Die Bergjungleute erhalten zwar keinen Lehrvertrag, müssen aber trotzdem wie die Lehrlinge die Berufsschule besuchen. Bis sie 16 Jahre alt sind – vorher ist eine Beschäftigung untertage verboten – lernen die Jungen alle übertägigen Betriebe kennen und arbeiten dort produktiv mit. Nach einem weiteren Jahr planmäßiger Unterweisung in der Grube werden sie in die Abbaureviere verlegt.

Nach der Rezession, in der die Gutehoffnungshütte die Zechen Oberhausen, Vondern, Sterkrade und Hugo wegen des Absatzmangels stillegen muß, fördern die verbleibenden Verbundschachtanlagen Osterfeld und Jacobi 1935 mit 5.400 Belegschaftsmitgliedern 3 Mill. t Kohle. Die vom Reichswirtschaftsministerium für die folgenden Jahre geforderte Produktionssteigerung läßt sich nach dem Stand der Technik nur mit einer Aufstockung der Belegschaft erreichen. Um die dadurch steigenden Ausbildungsaufgaben besser bewältigen zu können, beschließen die Verantwortlichen, die Ausbildung des Nachwuchses für die eigenen Bergbaubetriebe auf der stillliegenden Kokerei Sterkrade zu konzentrieren.
Dieser Standort bietet sich an, weil sich nicht nur der größte Teil der erforderlichen Werkstätten, die Klassenräume und Büros, sondern auch ein Speisesaal und eine Turnhalle kostengünstig in die vorhandenen Gebäude integrieren lassen. Die "Bergmännische Übungsstätte" wird im Unterbau einer demontierten Koksofenbatterie und im ehemaligen Kohlenturm eingerichtet. Als Neubauten kommen nur zwei Doppelhallen und Ende der 1940er Jahre die Jugendkaue hinzu.

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Bild 21: Das Ausbildungszentrum 1961. Im Gebäudekomplex 1 sind die Werkstätten, Klassenräume, Büros usw. untergebracht, anschließend ist die Jugendkaue 4 zu sehen. Gegenüber liegen die Übungsstätte 2 und die beiden Doppelhallen 3. Bild 22: In der Halle 4

In den Hallen 1 und 3 lernen die Jungen bei der Reparatur Maschinen aus dem Grubenbetrieb kennen, in der Halle 2 macht jeder seine Grundausbildung in der Metallverarbeitung und in der Halle 4 ist die Schachtholzwerkstatt untergebracht. Das Ausbildungszentrum geht 1938 mit 247 Auszubildenden in Betrieb.

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Bild 23: Die Grundausbildung in der Metallverarbeitung Bild 24: Eine Klasse der Bergberufsschule

Die in den Ausbildungswerkstätten beschäftigten Jungen bekommen von Anfang an in der großen Pause gegen mäßige Gebühr ein warmes Mittagessen, meistens einen kräftigen Eintopf.

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Bild 25: Im Speisesaal Bild 26: In der Turnhalle um 1950

Ab 1938 wird der Berufsschulunterricht in einer bezahlten "Lernschicht", also während der Arbeitszeit, erteilt. Auf dem Stundenplan stehen neben den fachtheoretischen Fächern auch 2 Stunden "Leibeserziehung" in der Turnhalle oder auf dem zecheneigenen Sportplatz.

Ebenfalls 1938 bestimmt das zuständige Gremium im Reichswirtschaftsministerium, daß diese Schichten nicht bei der Leistungsberechnung (t/MS = Tonnen je Mann und Schicht) berücksichtigt werden müssen, weil sie nicht der Produktion dienen. Diese Regelung gilt bis heute.

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Bild 27: Berglehrlinge mit ihren Ausbildern 1942. Die beiden Jungen in der Mitte der ersten Reihe tragen die immerhin 6 kg schwere Handlampe lässig am Gürtel.

Schon im ersten Betriebsjahr des Ausbildungszentrums macht sich e-heblicher Nachwuchsmangel bemerkbar. Die GHH versucht, diese Entwicklung mit umfangreichen Werbemaßnahmen aufzuhalten. Sie lädt die Jungen der Entlaßklassen der Volksschulen mit ihren Lehrern zur Besichtigung des Ausbildungszentrums ein, organisiert auf Elternabenden Vorträge über die Ausbildung und die Aufstiegsmöglichkeiten im Bergbau und versucht darüber hinaus, die Redakteure der in Oberhausen erscheinenden Tageszeitungen für die Nachwuchsfrage im Bergbau zu interessieren. Alle Anstrengungen haben aber nicht den erwünschten Erfolg.
Da auch die anderen Bergwerksgesellschaften an der Ruhr mit demselben Problem konfrontiert sind, beschließen die Konzernleitungen, das Übel an der Wurzel zu packen und gemeinsam alles zu tun, was das Ansehen des Bergmanns in der Bevölkerung erhöht. Neben einer finanziellen Besserstellung halten sie besonders die Anerkennung der bergmännischen Ausbildung als Lehre für unverzichtbar. In langwierigen Verhandlungen mit dem Reichswirtschaftsministerium erreichen sie 1940 beide Ziele: Der "Knappe im Steinkohlenbergbau" wird Lehrberuf, und der Bergmann rückt auf der Lohnskale einige Stufen nach oben. Das reicht aber anscheinend immer noch nicht aus, denn die Zahl der Lehrstellenbewerber bleibt auch in den folgenden Jahren kleiner als der Bedarf.

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Bild 28: Die neuen Berglehrlinge mit ihrer ersten von der Zeche gestellten Arbeitskleidung

1946 fehlt der bergmännische Nachwuchs immer noch. Das veranlaßt die Verantwortlichen bei der GHH, wieder verstärkt zu werben, zunächst im Ruhrgebiet, dann in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Der Ausbildungsleiter reist mit einem kleinen Stab über Land und versucht die Schulabgänger für eine Berglehre zu begeistern. Er hat Erfolg, weil die Arbeitsmöglichkeiten in den damals strukturschwachen Regionen sehr gering sind, während auf den Zechen nicht nur ein sicherer Verdienst und bevorzugte Versorgung mit Lebensmitteln, sondern auch gute berufliche Aufstiegsmöglichkeiten winken. Bald reichen die Plätze im einzigen Lehrlingsheim an der Zeche Jacobi und in ausgesuchten Bergmannsfamilien nicht mehr aus, die meist 14jährigen Jungen unterzubringen. Deshalb läßt die aus der GHH entflochtene Bergbau AG "Neue Hoffnung" Anfang der 1950er Jahre an der Kapellenstraße, der Bergstraße, der von-Trotha-Straße und Im Fuhlenbrock neue Heime bauen.

Gleichzeitig setzt die zweite Mechanisierungswelle in den Grubenbetrieben ein, die mit der Elektrifizierung der neuartigen Betriebsmittel einhergeht. Deshalb steigt die Anzahl der eingestellten Elektrolehrlinge an. Diese erhalten nur die Grundausbildung Metallbearbeitung in der Lehrwerkstatt, die speziellen Fachkenntnisse vermitteln die Betriebe nach festgelegten Plänen. Nach 3 Jahren legen sie vor der Handwerkskammer ihre Gesellenprüfung als Elektro-Installateur ab.
Auch der Chronist unterschreibt 1953 zusammen mit 34 anderen Anwärtern im Ausbildungszentrum Zeche Sterkrade einen Lehrvertrag als "Elektrikerlehrling unter Tage". Er erinnert sich an den Beginn seiner Lehrzeit:
In der Halle 2 erhielten wir 4½ Monate lang unsere Grundausbildung in der Metallbearbeitung. Jeder Lehrling bekam einen Stahlklotz, eine Feile, einen Anschlagwinkel und einen Maßstab sowie den Auftrag, von jeder Seite 5 mm abzufeilen. Am Ende sollten die Quaderflächen nicht nur eben und winklig, sondern das Werkstück auch maßhaltig sein.
Mittwochs hatten wir Unterricht in der Gewerblichen Berufsschule Oberhausen bei Herrn Timpte und am Donnerstag "Zechenseitigen Zusatzunterricht" bei Herrn Woermann und zwei Stunden Sport. Als Sportlehrer arbeiteten der bekannte Langstreckenläufer Hans Raff und der Fußballer Ernst Böhringer im Ausbildungszentrum.

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Bild 29: Ein Versuchsaufbau in der Berufsschule Bild 30: Die Elektriker im 2. Lehrjahr besuchen mit Herrn Woermann die HOAG.

Die beiden Schultage brachten eine willkommene Abwechslung von der Arbeit am Schraubstock. Freilich blieb auch diese nicht so eintönig, denn irgendwann hatte der Quader die gewünschten Maße mehr oder weniger genau erreicht. Bei den nun folgenden Lehrarbeiten sollten wir lernen, mit Hammer und Meißel sowie mit der Metallsäge und der Bohrmaschine umzugehen. Schmieden, härten und nieten gehörte ebenfalls zur Grundausbildung. Das ging zwangsläufig nicht ohne kleinere Verletzungen an den Händen ab, wenn ich mich mal wieder allzu ungeschickt anstellte und zum Beispiel mit dem Hammer anstelle des Meißels meine linke Hand traf. Besonders ärgerlich war in diesem Falle der "gutgemeinte" Hinweis des Ausbilders: "Du mußt auf Hammer und Meißel mit Kreide ein Kreuz malen und dann dafür sorgen, dass sie bei der Arbeit immer zur Deckung kommen, dann passiert das nicht." Wirksamer wäre ein Meißel mit Handschutz gewesen, aber der mußte noch erfunden werden.

Die Richtlinien für die Ausbildung von Zechenwerkstattlehrlingen aus dem Jahre 1925 gelten, von einigen unbedeutenden Anpassungen abgesehen, bis 1961 weiter. Die anschließend ausgebildeten Betriebsschlosser und Starkstromelektriker sind keine Lehrlinge mehr, sondern Auszubildende, die nach 3 Jahren und bestandener Prüfung von der Industrie- und Handelskammer ihren Facharbeiterbrief erhalten. Neu ist auch, daß die Azubis hauptsächlich in der Lehrwerkstatt ausgebildet werden. Nur den Umgang mit schlagwettergeschützten elektrischen Betriebsmitteln lernen die Elektriker 6 Monate lang in einem Elektrobetrieb unter Tage kennen.
In den folgenden Jahren ändern sich Ausbildungsprofile und Berufsbezeichnungen im Elektrobereich wegen der rasanten technischen Weiterentwicklung in kürzeren Abständen. Ab 1972 kann man auf der Zeche Sterkrade wahlweise in 2 Jahren zum Elektroanlagen-Installateur oder in 3½ Jahren zum Energieanlagen-Elektroniker ausgebildet werden.

Mit der Einführung des Berufsbildes Bergmechaniker 1976 läßt der Unternehmensverband endlich auch die Ausbildung des bergmännischen Nachwuchses auf den neuesten Stand bringen. Ein Jahr später kommt noch der Ausbildungsberuf Berg- und Maschinenmann hinzu. Er erfordert eine Lehrzeit von 2 Jahren.
Bei den Handwerkern folgt die nächste Änderung 1987: der Energieanlagen-Elektroniker wird zum Energie-Elektroniker und der Schlosser zum Industriemechaniker.
Mit jeder Reform der Ausbildungsinhalte müssen natürlich auch die Ausbilder nachgeschult und die Lehrmittel und Demonstrationsobjekte im Ausbildungszentrum auf den erforderlichen Stand gebracht werden. Ende der 1970er Jahre zeigt sich jedoch, daß sich die alte bergmännische Übungsstätte nicht mehr an die Anforderungen einer praxisnahen Ausbildung des Nachwuchses anpassen läßt.

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Bild 31: Berglehrlinge in der Übungsstätte Bild 32: Der Bau der Übungsstrecke

Um diesen Mangel zu beseitigen, bauen Ausbilder und Auszubildende hinter den Hallen eine Strecke in Bogenausbau und einen Kurzstreb nach und installieren auch die für die Unterweisung erforderlichen Maschinen und Einrichtungen.

Nach dem Verbund der Bergwerke Osterfeld und Lohberg 1989 verlagert sich die Ausbildung Zug um Zug nach Lohberg, weil die Werksleitung beschließt, den Förderstandort Osterfeld und damit auch die Tagesanlagen in Sterkrade Ende August 1992 aufzugeben. Am Jahresende 1991 werden hier nur noch 30 Bergmechaniker, 70 Industriemechaniker und 62 Energie-Elektroniker ausgebildet.
Das Ausbildungszentrum Zeche Sterkrade schließt am 30. Juni 1992 seine Tore. Die restlichen 19 Azubis beenden ihre Ausbildung auf dem Bergwerk Lohberg.

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Die Gebäude fallen im Februar 1994 restlos der Abrißbirne zum Opfer.

(c) Fritz Pamp

   

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