Der Steinkohlenbergbau der Gutehoffnungshütte in Oberhausen

Die Zeche Sterkrade

Ihre Entwicklung bis zum Verbund mit der Zeche Osterfeld 1933

In den 1890er Jahren herrscht in Deutschland Hochkonjunktur. Auch die Hüttenbetriebe der Gutehoffnungshütte sind voll ausgelastet. Als Folge davon beschließt der Vorstand des Unternehmens, die eigene Kohlenförderung dem stetig steigenden Bedarf anzupassen. Die zuständigen Stabsstellen erhalten den Auftrag, in der Bürgermeisterei Sterkrade zwei neue Bergwerke zu planen.
Der Auftrag für die Schachtanlage Constanzia lautet:

"Die Gutehoffnungshütte zu Sterkrade beabsichtigt in der Nähe des Bahnhofes Sterkrade einen neuen Schacht abzuteufen. Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass dieser Schacht ein Hauptförderschacht werden soll, und unter Entscheidung der Frage, ob es notwendig und zweckmäßig ist, diesen Schacht für die Bewetterung der Schachtanlagen Osterfeld und Hugo mit heranzuziehen, ist ein Betriebsplan für die Ausführung dieser Schachtanlage, für die zu treffende Sohleneintheilung sowie für die Aus- und Vorrichtung der Flötze zu entwerfen.

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Für die Wahl des Schachtpunktes sind dem Vorstand lediglich die Verhältnisse über Tage maßgebend gewesen. Das in Frage kommende Terrain ist bereits vor Jahren in den Besitz der Gutehoffnungshütte übergegangen; es ist noch unbebaut, verhältnismäßig eben und auf zwei Seiten von Wasserläufen mit zum Speisen der Kessel verwendbarem Wasser eingeschlossen. (Anm.: Wie der Plan zeigt, handelt es sich um den Alsbach und den Mühlenbach).

Vor allem ist von dem beabsichtigten Schachtpunkte aus der Anschluß an die eigene Bahn der Gutehoffnungshütte wie an die Staatsbahn mit äußerst geringen Kosten herzustellen …"
Die Teufarbeiten beginnen am 16. August 1897. Der Schacht Constanzia wird als Senkschacht mit 7,2 m Durchmesser niedergebracht. Die ersten Meter sollen die Schachthauer hier allerdings wegen der ungewöhnlich hohen Wasserzuflüsse mit einer "Luftschleuse" überwinden. Bei dieser Methode leitet man unter die gegen die Senkmauer abgedichtete Schleuse Druckluft, die das Eindringen von Wasser in den Arbeitsraum verhindert. Unter diesen Bedingungen kann die Teufmannschaft den Schacht ohne weitere Komplikationen bis auf 25 m vertiefen. Hier wird die Hilfseinrichtung demontiert, weil sich die Wasserzuflüsse normalisiert haben. Bei 40 m Teufe setzt sich der Schacht fest. Die Schachthauer müssen einen zweiten Senkschacht aus Tübbingen mit 6,7 m Durchmesser einbauen, bevor sie die Arbeit fortführen können.

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Bild 02: Die Zeche Sterkrade 1986: vorn der Schacht 1, dann der Diffusor des Grubenlüfters mit aufgesetztem Schalldämpfer und der Schacht 2 Bild 03: Das Modell eines Tübbingschachtes. Ein Ring besteht aus mehreren Segmenten. Die Verbindungsflansche werden durch Bleizwischenlagen abgedichtet.

Diese zeitraubende Prozedur wiederholt sich noch zweimal, bis der Schacht mit nur noch 5,1 m Durchmesser 140 m unter der Tagesoberfläche standfestes Gebirge erreicht und der Ausbau auf Ziegelsteinmauerung umgestellt werden kann. Am 15.11.1901 sieht die Mannschaft in 276 m Teufe zum ersten Male das Steinkohlengebirge. Bei 300 m setzt sie die Wettersohle aus und 62 m tiefer die 2. Sohle. Zum Jahresende 1902 wird der Grubenbau im Niveau der 3. Sohle (464 m) mit einer von Osterfeld aufgefahrenen Wetterstrecke durchschlägig. 1904 erreicht der "Schacht Sterkrade, vormals Constanzia", wie die Anlage seit 1899 offiziell heißt, mit 522 m seine vorläufige Endteufe.
Rund 85 m westlich läuft seit Juni 1902 der Teufbetrieb für den Schacht Sterkrade 2. Die Planer können auf die am Nachbarschacht gesammelten Erfahrungen zurückgreifen, weil die geologischen Verhältnisse vergleichbar sind.
Ende 1905 trifft auch hier erst die dritte Tübbingsäule 136 m unter der Rasenhängebank auf standfestes Gebirge, und die Schachthauer stellen den Ausbau auf Ziegelsteinmauerung um. Den Übergang zum Karbon legen sie in 275 m Teufe frei. Nur wenige Meter tiefer stellen sie die Verbindung mit einem Aufbruch her, der ihnen in kleinerem Querschnitt von der 2. (362 m-) Sohle aus entgegengefahren wurde. Durch diese Maßnahme ist es möglich, den Schacht Sterkrade 2 noch 1906 bis zur 2. Sohle zu teufen. 1909 beendet die Mannschaft knapp 500 m unter der Tagesoberfläche in Flöz Zollverein 7/8 die Arbeiten.
Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass die Sterkrader Schächte trotz sehr schwieriger geologischer Verhältnisse im Bereich des Deckgebirges nach 4 Jahren – der Schacht 2 wegen des Gegenortbetriebes nach 3½ Jahren – glücklich das Karbon erreichen.

Schon vor Beginn der Teufarbeiten haben die Bauarbeiter das zukünftige Betriebsgelände an der Hauptstraße (heute von-Trotha-Straße) planiert und ein Maschinenhaus sowie ein Kesselhaus errichtet, in dem auch zunächst die Büros, das Magazin und die Kauen untergebracht sind. 1898 folgt die Montage eines Abteufturmes und eines elektrisch angetriebenen Förderhaspels. Als im August dieses Jahres im Schacht Hugo ein Schwimmsandeinbruch die Arbeit von 3 Jahren zerstört, entscheidet die Werksleitung, das für den verunglückten Grubenbau in den GHH-Werkstätten fertiggestellte Fördergerüst über Sterkrade 1 montieren zu lassen. Die Spezialisten erledigen diese Arbeit noch im Jahre 1899. Das Teufgerüst wird dadurch für den Einsatz am geplanten Schacht Sterkrade 2 frei.

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Bild 04: Die Zeche Sterkrade um 1910. Am Schacht Sterkrade 2 ist noch der Abteufturm mit einer provisorischen Fördereinrichtung in Betrieb, sein endgültiges Schachtgerüst erhält er erst 1912.

Im Tagesbetrieb gehen die Bauarbeiten weiter. Anfang 1903 sind die Schachtfördereinrichtung, die Schachthalle, die Aufbereitung, die Waschkaue und das Bürogebäude betriebsbereit. Die Zeche Sterkrade nimmt im Mai 1903 mit 550 Belegschaftsmitgliedern die regelmäßige Förderung auf. Diese deckt zunächst nur den Eigenbedarf. Erst im folgenden Jahr (1904) stehen knapp 70 000 t Kohle für den Landabsatz zur Verfügung. 1905 beschäftigt die neue Anlage bereits 870 Mitarbeiter und weist eine Förderung von knapp 225 000 t aus. Versuche auf der Kokerei Osterfeld ergeben, dass sich die Sterkrader Kohlen sehr gut zur Verkokung eignen.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges baut die GHH die Tagesanlagen weiter aus. Eine "Electrische Centrale" hat in der ersten Ausbaustufe eine Leistung von 2.450 kW, auch die Schmiede, die Schlosserei und die Schreinerei sind voll eingerichtet. Zwei Grubenlüfter auf dem Schacht Sterkrade 2, die zusammen 12 000 m³/min verbrauchte Luft aus der Grube absaugen können und ein Turbokompressor für die Drucklufter-zeugung gehen in Betrieb.
Seit November 1907 produziert eine Kokerei neben Koks auch Teer und Ammoniak. Zwei neue Dampfkessel verwerten das anfallende Gas.

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Bild 05: Die "Electrische Centrale" 1910. Die Dampfmaschinen treiben 2 Drehstromgeneratoren mit einer Leistung von 475 kW an. Der dritte Maschinensatz – ein Turbogenerator mit 1.500 kW – ist auf diesem Bild nicht zu sehen. Bild 06: Eine Batterie Flammrohrkessel mit Gasfeuerung

Nach der Erweiterung um 60 Öfen steigt die Kapazität 1909 auf 200.000 t jährlich. Die erzeugte Gasmenge reicht aus, um acht weitere Dampfkessel mit Brennstoff zu versorgen. Der Kohletransport zwischen Aufbereitung und Kokerei erfolgt über eine Seilbahn. Eine Benzolfabrik vervollständigt schließlich die Produktpalette der Kokerei.
Die Werksleitung plant, genau wie auf ihren anderen Schachtanlagen auch auf der Zeche Sterkrade die Pferde in der Hauptstreckenförderung durch Druckluftlokomotiven zu ersetzen. Das Werk Sterkrade der GHH baut und montiert den erforderlichen Hochdruck-Kompressor. 1911 gehen auf der 2. Sohle die ersten Loks in Betrieb.

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Bild 07: Eine Druckluftlokomotive im Einsatz Bild 08: Bergleute bringen den Spülversatz ein. Das Bild macht deutlich, warum sich diese höchst unbeliebte Neuerung nicht durchsetzen kann, obgleich sie kostengünstiger ist. Denn die beiden Kumpel haben offensichtlich nur die Wahl zwischen zwei Übeln: entweder mit Wasser in den Stiefeln oder barfuß zu arbeiten.

Gleichzeitig laufen auch Versuche, den personal- und zeitintensiven Handvollversatz durch den Spülversatz zu ersetzen. Bei dieser Versatzart leitet man ein möglichst dickflüssiges Sand-Wasser-Gemisch, das in einem 30 m  tiefen Spülschacht neben Schacht 2 aufbereitet wird, durch Rohrleitungen von übertage in die ausgekohlten Räume.

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Bild 09: Der Schacht Sterkrade 2 im Jahre 1912. Die Monteure der GHH haben die Stahlbauarbeiten fast beendet. Die Schachtschleuse, die für den Förderbetrieb in einem ausziehenden Wetterschacht unbedingt notwendig ist, wird noch montiert. Bild 10: Das neue Kraftwerk. Zwei 85 m hohe Kamine flankieren eine breite Freitreppe, die in das Maschinenhaus führt.

Als eine der letzten großen Investitionen vor dem Krieg bekommt der Schacht Sterkrade 2 zwar 1912 sein endgültiges Schachtgerüst mit einer modernen Schachthalle aus Stahlfachwerk, aber vorläufig nur eine "Nebenförderanlage". Die Hauptfördereinrichtung wird erst 1921 montiert.
Im August 1914 gehen auf der Kokerei noch drei Neuanlagen in Betrieb: eine Koksofenbatterie mit einem 1.000 t fassenden Kohlenturm und eine Ammoniakfabrik. Am Jahresende beschäftigt die Zeche Sterkrade 1.920 Mitarbeiter, die 500.000 t Kohle und 190.000 t Koks produziert haben.

In den Anfangsjahren befinden sich die Dampfkessel, Generatoren und Kompressoren in separaten Gebäuden. Dieser betrieblich ungünstige Zuschnitt ändert sich 1915 mit dem Neubau eines "Kraftwerks", in dem nach und nach alle genannten Aggregate unter einem Dach zusammengefaßt werden.

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Bild 11: Ein Kesselhaus mit mechanisch beschickten Wanderrostkesseln. Bis 1922 ersetzen 8 Wanderrostkessel die 30 Flammrohrkessel; das alte Kesselhaus geht außer Betrieb. Bild 12: Ein 6.000 kW-Turbogenerator löst die beiden 475 kW-Stromerzeuger aus dem Jahre 1904 ab. Das Kraftwerk hat jetzt eine installierte Leistung von 12.000 kW. 1925 kommen noch einmal zwei Turbogeneratoren mit zusammen 12.000 kW hinzu. Damit ist der Ausbau des Kraftwerks vorläufig abgeschlossen.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts liefern die GHH-Kokereien den Rohteer zur Weiterverarbeitung an die Gesellschaft für Teerverwertung GmbH in Duisburg-Meiderich. Als  die  Forscher in  den  folgenden Jahren immer mehr wertvolle Bestandteile des Teers isolieren, entschließen sich die Verantwortlichen der GHH, auf der Zeche Sterkrade eine eigene Anlage bauen zu lassen. Die "Teerdestillation" nimmt 1925 jenseits der Weierstraße den Betrieb auf und verarbeitet den auf den Kokereien Osterfeld, Vondern, Sterkrade und Jacobi anfallenden Rohteer u.a. zu Pech, Teerölen, Naphthalin und Benzol.

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Bild 13: Die Naphtalinanlage Bild 14: Die Zeche Sterkrade 1929. Im linken oberen Drittel des Bildes ist die Teerdestillation zu sehen.

Die GHH baut 1904 in der Nähe der neuen Zeche zwischen der Weierstraße, der Weseler Straße und der Bahnlinie Oberhausen-Emmerich die Kolonie Dunkelschlag mit 200 preiswerten Wohnungen für die Belegschaft.

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Bild 15: Die Kolonie Dunkelschlag Bild 16: Die Zechenstraße 1930

Werfen wir nun noch einen Blick auf den Grubenbetrieb.

Die Kohlengewinnung unterscheidet sich nicht von den anderen GHH-Schachtanlagen. Auch hier herrschen bis nach dem Ersten Weltkrieg Keilhaue und Sprengarbeit vor, nur unter günstigen geologischen Bedingungen erleichtern Schrämmaschinen den Bergleuten die Arbeit am Kohlenstoß. Anfang der 1920er Jahre treten Abbauhammer und Schüttelrutsche ihren Siegeszug an. Auch die Holzstempel im Streb müssen Zug um Zug dem Stahlausbau weichen.

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Bild 17: Ein Kohlenhauer bei der Arbeit

Auf der Flözebene gehört die Wagenförderung der Vergangenheit an. Hier übernehmen Gummigurtförderer den Transport der Kohle zur Fördersohle, während in den Hauptstrecken die Kohlenzüge immer häufiger nicht mehr von Pferden, sondern von Druckluftlokomotiven zum Schacht gezogen werden.
Die Schachtanlage betreibt zunächst keine eigene Wasserhaltung. Das im nördlichen Feldesteil anfallende Wasser fließt zur Zeche Hugo, das Wasser aus dem Süden des Feldes nach Osterfeld. Erst Mitte der 1930er Jahre werden die Pumpen von Hugo nach Sterkrade umgesetzt.
1922 beschäftigt die Zeche Sterkrade mit 2815 Mitarbeitern ihre höchste Belegschaft. Die höchste Förderung, nämlich 663.000 Tonnen beste Kokskohle, wird erst 1929 erreicht.

In den Jahren 1930 und 1931 lassen sich Kohle und Koks selbst mit erheblichen Preisnachlässen immer schlechter verkaufen. Als sich die Produktion auch mit Kurzarbeit und Entlassungen nicht an den Absatz anpassen läßt, beschließt der Vorstand der GHH erhebliche Betriebseinschränkungen. 1931 werden zunächst die Zeche Hugo in Sterkrade und die Zeche Oberhausen sowie die Kokereien Sterkrade und Jacobi stillgelegt. Leider reichen diese Maßnahmen immer noch nicht aus, so dass am 31. Januar 1933 auch die Zeche Sterkrade ihre Tore schließen muß. Die Tagesschächte und die Baufelder der Sterkrader Schachtanlagen stehen zukünftig der Zeche Osterfeld zur Verfügung.

(c) Fritz Pamp

   

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