Der Steinkohlenbergbau der Gutehoffnungshütte in Oberhausen

Die Zeche Jacobi

Von der Stilllegung bis zur Sanierung des Betriebsgeländes

Die rückläufige Konjunktur führt nach einem Hoch in den Jahren 1969 und 1970 zum stärksten Absatzeinbruch auf dem Steinkohlenmarkt seit Ende des 2. Weltkrieges. Deshalb beschließen Vorstand und Aufsichtsrat der Ruhrkohle AG Mitte 1971 einen "Gesamtanpassungsplan für den Bergbaubereich" zur Konzentration und Verlagerung der Förderung auf die ertragsstärksten Anlagen. Ziel soll sein, bis 1975 die Fördermöglichkeiten durch die Stilllegung von 10 Schachtanlagen und die Bildung von 4 Verbundbergwerken um 14 Mill. Tonnen zu verringern.
Dieser Plan schreibt für 1974 die Stilllegung der Betriebsabteilung Jacobi und die Zusammenlegung der Betriebsabteilung Franz Haniel mit der Zeche Prosper zum Verbundbergwerk Prosper-Haniel fest. Das Bergwerk Osterfeld muss die Jacobi-Belegschaft geschlossen übernehmen.
Das Verbundbergwerk Prosper-Haniel lässt sich nur dann termingerecht realisieren, wenn die Bergleute in beiden Grubenfeldern unverzüglich damit beginnen, die notwendigen Strecken aufzufahren. Schon im Oktober 1973 kommt es zu einem ersten Durchschlag in Flöz Erda und damit zu einem Wetterverbund zwischen den Zechen Franz Haniel und Prosper IV (in Kirchhellen-Grafenwald). Gleichzeitig arbeiten die Vortriebskolonnen von Prosper und Franz Haniel auf der 5. Sohle im Gegenortbetrieb an der ersten gemeinsamen Förderverbindung.
Anfang Februar 1974 wird der 2,2 km lange Verbindungsquerschlag zur Schachtanlage Prosper III fertiggestellt und am 1. April können wie geplant die ersten Kohlenzüge aus dem Baufeld Franz Haniel zum Förderschacht Prosper 6 rollen.

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Das Fördergerüst rechts steht über dem Schacht Prosper 6. Die Zeche lag an der Rheinstahlstraße in Bottrop. Nur die beiden Torhäuser sind erhalten. Auf einem Teil des Geländes stehen Wohnhäuser, auf dem Rest ist eine Parkanlage entstanden.
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Bild 107: Der Abriss der Schachtgerüste
Schacht 2 am 6. Juli 1979 Schacht 1 am 30. Juli 1979

Am 1. Dezember 1973 beginnt die Verlegungsaktion von der Schachtanlage Jacobi zur Schachtanlage Osterfeld mit den Leuten der Vorrichtungsreviere, einen Monat später folgt das erste komplette Abbaurevier. Der Großteil der Belegschaft kann jedoch noch ein Vierteljahr auf der alten Anlage bleiben.

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Bild 108: Der Nordschacht des Bergwerks Osterfeld Bild 109: "Abschied" in der Lohnhalle

Im letzten vollen Betriebsjahr, also 1973, fördert das Verbundbergwerk Jacobi/Franz Haniel mit 3400 Belegschaftsmitgliedern knapp 2 Millionen Tonnen. Die Leistung erreicht 3,45 t je Mann und Schicht.

Am Freitag, dem 29. März 1974, verfährt die verbliebene Jacobi-Belegschaft ihre letzte Schicht in der gewohnten Umgebung. Bekanntlich hängen die meisten Kumpel trotz der nicht immer angenehmen Erlebnisse an "ihrem" Pütt.
Deshalb verwundert es nicht, wenn einige Jacobianer in der Lohnhalle ihre Gefühle mit einer symbolischen Beerdigung zum Ausdruck bringen.
Am Samstag morgen kommt der letzte Förderwagen im Schacht 2 an das Tageslicht. Damit schließt sich der Kreis: sowohl der erste als auch der letzte Wagen Kohle wird auf der Zeche Jacobi in diesem Schacht gefördert.
Die Stilllegung des traditionsreichen Bergwerks scheint für die Redakteure der WAZ nichts Besonderes gewesen zu sein. Denn für sie genügen zwei Kurzkommentare, um ein Ereignis zu dokumentieren, das mehr als 2500 Arbeitsplätze gekostet hat.
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Am Samstag, dem 30. März, kann man zu dem folgenden Bild lesen:
"Mi
t Galgenhumor nehmen die Jacobi-Kumpel Abschied von ihrem Pütt, auf dem heute die letzte Schicht verfahren wird. Wie berichtet, wird die Zeche Jacobi im Rahmen der umfangreichen Rationalisierungsmaßnahmen der Bergbau AG Oberhausen stillgelegt. Schwarze Fahnen sah man gestern nicht auf der Zeche in Klosterhardt. Stattdessen "dekorierten" Bergleute dieses Zechengebäude mit Girlanden aus Klopapierrollen. Auch auf diese Weise kann man seine Meinung über die Zechenstilllegung zum Ausdruck bringen.
Am Giebel des aus dem Jahre 1914 stammenden Gebäudes erkennt man noch das GHH-Zeichen."

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Die Montagsausgabe hält unter dem obigen Bild für die Nachwelt fest:
"Der letzte Förderwagen rollte am Samstagvormittag auf die Hängebank im Schacht II der Schachtanlage, die, wie bereits mehrfach angekündigt, im Rahmen des Gasamtanpassungsplanes der Ruhrkohle und der Bemühungen der Bergbau AG Oberhausen, die Förderung auf die ergiebigeren nördlichen Grubenfelder zu verlagern, stillgelegt wurde. Auf Einladung der BAO (Anmerkung: Bergbau AG Oberhausen) erlebten zahlreiche Berginvaliden und noch aktive Kumpel das traurige Ereignis bei Dosenbier und Erbsensuppe. Nicht wenige Jacobi Kumpel hatten Frau und Kinder mitgebracht.
In der Menschenmenge sah man auch die Direktion des bisherigen Verbundbergwerks Jacobi/Franz Haniel: Bergwerksdirektor Weise, Personaldirektor van Berg und Betriebsdirektor für Produktion Wersch.
Mit Wirkung vom heutigen 1. April werden die bisherigen selbständigen Werksdirektionen Jacobi/Franz Haniel und Prosper zu einem Verbundbergwerk Prosper/Haniel zusammengeschlossen. Der Förderwagen auf unserem Bild soll der Stadt Oberhausen übergeben und im Revierpark Vonderort aufgestellt werden."

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Bild 112: Viele Zeitzeugen erwarten auf dem Zechenplatz den letzten Wagen. Bild 113: Bergwerksdirektor Kurt Weise, Betriebsdirektor Bernhard Wersch und ein Teil der Belegschaft stellen sich den Fotografen für ein Abschiedsfoto zur Verfügung.
ZecheJacobi 114 Die RAG gibt also den Förderstandort Jacobi auf und bildet wie geplant am 1. April aus dem Bergwerk Prosper in Bottrop und der Betriebsabteilung Franz Haniel das neue Verbundbergwerk Prosper-Haniel. Damit fördert in Oberhausen nur noch das Bergwerk Osterfeld. Hier finden ab dem 1. April am Nordschacht fast 800 Jacobianer einen neuen Arbeitsplatz.
Einige Steiger werden zunächst zum Bergwerk Friedrich Thyssen 2/5 verlegt, sie kommen dann aber nach dessen Stilllegung im November 1976 ebenfalls nach Osterfeld.
Bild 114: Der letzte auf der Zeche Jacobi geförderte Wagen steht vor dem Revierpark Vonderort.

Etwa 80 Mann beginnen Anfang April 1974 damit, in der Grube die noch brauchbaren Materialien auszubauen. Diese Arbeiten dauern bis Ende September 1975. Am 29. September 1975 findet im Schacht 2 die letzte regelmäßige Seilfahrt statt. Die Schächte bleiben bis September 1978 offen und versorgen das Bergwerk Prosper-Haniel mit frischer Luft. Als Kuriosum sei vermerkt, dass während dieser Zeit an beiden Schächten je eine Fördermaschine bei den bergbehördlich vorgeschriebenen Schachtbefahrungen nicht mehr mit Dampf sondern mit Druckluft betrieben wird.

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Bild 115: Der Haupteingang 1978 Bild 116: Die Lohnhalle 1978

Als die Schächte betrieblich nicht mehr benötigt werden, lässt sich der Niedergang der einst so stattlichen Bergwerksanlage nicht mehr aufhalten. Die WAZ schreibt dazu in der Ausgabe vom 13. September 1978:
"Bagger und Planierraupen werden bald eingesetzt, um das ehemalige Verwaltungsgebäude der Zeche Jacobi und die angrenzenden Trakte dem Erdboden gleichzumachen. Der Antrag für den Abbruch liegt zur Zeit beim Bergamt Dinslaken, die Genehmigung gilt als sicher.
Die Rettung des architektonisch imponierenden Bauwerkes als Industriedenkmal ist damit gescheitert, obwohl sich die Eigentümer nach Mietern umsahen, die die Gebäude hätten anderweitig nutzen können. Als Interessent, vor allem wegen des Gleisanschlusses, war noch vor gar nicht langer Zeit eine Kesselreinigungsfirma im Gespräch."

Zwischen Oktober 1978 und Januar 1979 werden beide Schächte voll mit Beton verfüllt.
Vollverfüllte Schächte brauchen nach den geltenden bergbehördlichen Vorschriften weder eine besondere Abdeckung, noch ist eine ständige Beobachtung der Füllsäule erforderlich. Deshalb kann das Gelände, das die Stadt Oberhausen nach der Planung von 1978 als Gewerbegebiet ausweisen will, uneingeschränkt bebaut werden.   

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Bild 117: Der Beton wird "im freien Fall" eingebracht. Bild 118: Die Fördermaschinen fallen dem Schneidbrenner zum Opfer.

Anschließend beginnen die Demontage- und Abbrucharbeiten der Tagesanlagen, die 8 Monate andauern.

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Bild 119: Die Abrißbirnen lassen keinen Stein auf dem anderen. Bild 120: Dieses Gerät zerkleinert auch Stahl.

Am 6. Juli 1979 ziehen zwei Planierraupen das 54 m hohe und 125 Tonnen schwere Schachtgerüst des Schachtes Jacobi 2 zu Boden. Um die Stahlkonstruktion in eine vorbestimmte Richtung fallen zu lassen, wird sie nach statischen Berechnungen mit Scheidebrennern  planmäßig geschwächt. Eine Sprengung kommt wegen der nahen Kokerei, die noch produziert, nicht in Frage. Drei Wochen später, am 30. Juli 1979, verschwindet das Gerüst über dem Schacht Jacobi 1 auf die gleiche Art und Weise von der Bildfläche. Hier bleiben von dem 50 m hohen Bauwerk 270 Tonnen Schrott für das Abbruchunternehmen übrig.

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Bild 121: Eine Seilscheibe von Schacht 2 erinnert im Garten der St. Antony-Hütte an die Zeche Jacobi. Bild 122: Der Wasserbehälter geht zu Boden.

Noch im selben Jahr leisten die Abrissbagger an den Verwaltungsgebäuden und dem Pförtnerhaus ganze Arbeit. Sie hinterlassen der Nachwelt keine greifbare Erinnerung an das Versailles des Ruhrgebiets.
Als letztes Wahrzeichen der Zeche fällt am 12. Juni 1981 der fast 60 m hohe Kugel Wasserbehälter nach einer Sprengung in sich zusammen. Er hatte seit 1912 weithin sichtbar den Standort der Anlage markiert.
Der immer weiter sinkende Koksabsatz zwingt die RAG, die Kokerei Jacobi am 30. Juni 1984 stillzulegen. Anschließend beginnen auch hier die Abbrucharbeiten. Bis zum Sommer 1986 ist die Anlage fast restlos dem Erdboden gleichgemacht. Lediglich das Pförtnerhaus und ein Stückchen der alten Gichtgasleitung blieben an Ort und Stelle erhalten.

ZecheJacobi 123Bild 123: Abbrucharbeiten auf der Kokerei

Umfangreiche Bodenuntersuchungen ergeben, dass eine Nutzung des insgesamt 30 ha großen Geländes als Gewerbegebiet ohne vorherige Aufarbeitung nicht möglich ist. Besonders im Kokereibereich haben sich in den mehr als 65 Betriebsjahren Benzol, Toluol und Xylol im Erdreich eingelagert. Um einen sehr teuren, kompletten Bodenaustausch zu vermeiden, beschreiten die Experten neue Wege und entwickeln ein hydraulisches Sanierungsverfahren, die "BTX-Adsorption an Aktivkohle", dabei steht die Abkürzung BTX für die weiter oben genannten Schadstoffe.
1989 nimmt die erste Einrichtung dieser Art an der Harkortstraße den Betrieb auf. Seitdem wird das Grundwasser über eine Drainage in Brunnen gesammelt, in die Anlage gepumpt und dort in Aktivkohlefiltern auf Trinkwasserqualität gereinigt. Nach vorsichtigen Schätzungen der Fachleute wird es mindestens 20 Jahre dauern, bis der Bereich auf diese Weise ordnungsgemäß entsorgt ist. (Heute wissen wir, dass die Prognose richtig gewesen ist, denn die Anlage arbeitet auch im Jahre 2013 noch.) Die Aufsichtsbehörden genehmigen jedoch die Anträge der Städte Oberhausen und Bottrop, das Terrain mit Waschbergen abzudecken und in den überarbeiteten Flächennutzungsplänen schon vor der endgültigen Sanierung als Park- und Sportanlage auszuweisen.

1991 beginnt die RAG mit den erforderlichen Erdbewegungen. Aus Umweltschutzgründen lässt sie die nicht mehr benötigte Eisenbahnstrecke zwischen den Zechen Jacobi und Franz Haniel zu einer LKW-Piste umbauen. Auf diese Weise kann der Bergetransport von der Halde ohne die Benutzung öffentlicher Straßen erfolgen. Gleichzeitig nimmt auch die Idee von einem "Volksgolfplatz Jacobi", verbunden mit einer Sportanlage auf dem Bottroper Teil des Zechengeländes, konkrete Formen an.

(c) Fritz Pamp

   

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