Die Kolonie Stemmersberg

Aus Platzmangel konnte die Gutehoffnungshütte in Eisenheim II nicht alle Häuser bauen, die sie für die weiter wachsende Belegschaft der Zeche Osterfeld benötigte. Deshalb entschloß sie sich 1898, auf ihrem sechs Hektar großen Grundstück zwischen der Vestischen-, Westerwald- und Hügelstraße in mehreren Bauabschnitten eine neue Kolonie zu errichten. Die Osterfelder nannten dieses Gelände "Stemmersberg", weil es ursprünglich zum Hof des Bauern Stemmer gehörte, der an der Ziegelstraße lag. Durch Erbfolge kam das Anwesen in den Besitz des Landwirts Wilhelm Kötter, genannt Freitag. Kötter hatte um 1890 einen Teil seiner Äcker an die Gutehoffnungshütte verkauft.

Auf diesem Stadtplanausschnitt ist der unter Denkmalschutz stehende Teil der Kolonie Stemmersberg rot angelegt.
Die violett gekennzeichneten Häuser aus dem Jahre 1920 verkaufte Thyssen an die Bewohner.

Die anhaltende Wohnungsnot in Osterfeld veranlaßte die GHH, im Frühjahr 1900 an der heutigen Hüttestraße mit den Bauarbeiten zu beginnen, obgleich noch keine Baugenehmigung vorlag. Diese erteilte der Landrat in Recklinghausen erst im Juni. Der Architekt hatte die Häuser für die neue Kolonie in dem in Eisenheim bewährten Kreuzgrundriß geplant. Die Arbeiten verliefen offensichtlich zügig, denn die ersten Mieter zogen bereits im Oktober in ihre Wohnungen ein. Sie lebten also praktisch auf einer Baustelle.

Der Kreuzgrundriß

Die Bauarbeiten auf der Hüttestraße begannen 1900.

 

Im Hintergrund sind die Häuser auf der Hoffnungstraße zu sehen Wenn eine Wohnung fertig wurde, wie hier auf der Hoffnungstraße, zogen die Mieter ein.

In den folgenden Jahren wuchs die einheitlich im Kreuzgrundriß errichtete Kolonie stetig. Der Baustil änderte sich erst 1904, als die 18 Häuser an der heutigen Westerwaldstraße und der unteren Hügelstraße entstanden. Hier ersetzten sechs verputzte Hausvarianten – Schweizerhäuser genannt – die gewohnten Ziegelbauten und lockerten das Bild auf. Diese ersten Schritte in Richtung "Gartenstadt" ging die Bauabteilung der GHH bei ihrem nächsten Projekt, der Kolonie Vondern, konsequent weiter.

Schweizerhäuser

Die Schweizerhäuser an der Westerwaldstraße 1910





Grundriß der Schweizerhäuser an der Westerwaldstraße. Hier gibt es schon eine Waschküche.

Als die GHH die Bautätigkeit 1905 vorläufig beendete, war Stemmersberg mit 392 Wohnungen in 98 Häusern die größte Kolonie des Unternehmens. Die Pause dauerte jedoch nicht sehr lange, denn 1912 rückten die Maurer schon wieder an und errichteten an der Gutestraße nach den Plänen des bekannten Architekten Bruno Möhring das Jugendhaus Stemmersberg. Im Mai 1913 öffneten ein Kindergarten, eine Handarbeitsschule und eine Haushaltungsschule ihre Tore. Außerdem konnten die in der Kolonie wohnenden Frauen und Kinder gegen mäßige Gebühr die im Keller installierten Wannenbäder benutzen. Diese Einrichtungen scheinen aber keine allgemeine Zustimmung gefunden zu haben, denn der Chronist der katholischen Klosterhardtschule hielt für die Nachwelt fest:
" … Der konfessionelle Proporz der Kindergärtnerinnen war nicht gewahrt worden, und so mußten die katholischen Kinder an dem Religionsunternichte, der dort wider alles Recht im evangelischen Sinne gehalten wurde, teilnehmen – mit welchem Schaden für ihr religiöses Empfinden, kann man sich leicht denken."
Selbst die Wannenbäder lehnte der Chronist wegen der "geradezu als skandalös zu bezeichnenden Zustände" ab.

Das Jugendhaus, auf der 1915 gestempelten  Postkarte "Wohlfahrtshaus" genannt. Spielplatz im Hof des Kindergartens

"Auch hier brachte eine Beschwerde keine Änderung. Unter diesen Umständen waren sowohl Seelsorger wie Lehrpersonen gezwungen, die katholischen Eltern und Kinder vor der Benutzung dieser “Wohlfahrtseinrichtung“ dringend abzumahnen."
Das Gebäude überstand den Krieg unbeschädigt und ist heute eine Außenstelle des Käthe-Kollwitz-Berufskollegs.

Auf der Gutestraße 1923 Auf der Gutestraße 1923

In dieser Kolonie ist der Verfasser geboren und aufgewachsen, deshalb erinnert er sich an viele Details besonders deutlich. Die 65 m² großen Wohnungen verteilten sich über zwei Geschosse. Von einem schmalen Treppenflur gelangte man auf jeder Etage links und rechts in je ein Zimmer, vom Erdgeschoß zusätzlich noch in den Keller. In einem Hofgebäude gab es zu jeder Wohnung einen Stall für die Haltung von Kleinvieh und eine Toilette, ein "Häuschen" alten Stils mit Plumpsklo und einem Herz in der Tür. Der Inhalt der "Aalskuhle" und der Stallmist reichten aus, den Garten am Haus und die zusätzlich gepachteten Flächen zu düngen.

 

Waschtag auf der HoffnungstraßeFließendes Wasser gab es nur in der Küche, das Abwasser lief quer über den Bürgersteig in eine Rinne am Straßenrand, die sogenannte "Gösse". Am Waschtag stand die Waschmaschine mit Handantrieb – immer öfter aber auch mit einem Wassermotor – wie in Eisenheim entweder auf dem Bürgersteig oder auf dem Hof. Die Frauen kochten die schmutzige Wäsche im Waschkessel auf dem grundsätzlich mit Kohle beheizten Küchenherd, schleppten sie nach draußen und füllten sie in die Waschmaschine um. Auch die weiteren Arbeiten wie nachwaschen, spülen und wringen erledigten sie von Hand außerhalb des Hauses. Anschließend trugen sie die Wäsche in den Garten und hängten sie zum Trocknen auf. Nur bei strengem Frost oder Dauerregen wurde im Flur gewaschen und an der Herdstange getrocknet. Um in diesem Fall die Kapazität zu vergrößern, gab es über jedem Herd ein Trockengestell mit ausklappbaren Stangen.

Besonders viel Mühe machten die Arbeitsanzüge, die die Männer samstags nach der Schicht, in ein blaukariertes Handtuch geknotet, nach Hause brachten. Diese "Püngel" mußten bis Montag nicht nur (zur Schonung der Maschine auf dem "Brett") gewaschen, sondern auch geflickt sein. Und wenn ein Sohn oder ein Kostgänger ebenfalls auf der Zeche arbeiteten, waren es sogar mehrere Garnituren!
Von Sonntagsruhe konnte für die Hausfrauen in solchen Fällen keine Rede sein. Sie nahmen die zusätzlichen Mühen, die sie mit dem Untermieter hatten, jedoch in Kauf, weil das Kostgeld fast die Wohnungsmiete abdeckte.

Zur Kolonie gehörte auch der "Konsum" an der Ecke Ziegelstraße/Hügelstraße, die Verkaufsanstalt 9. In diesem Falle baute die GHH nicht selbst, sondern mietete das Ladenlokal 1908 in einem privat finanzierten Geschäftshaus an. Später ging das Gebäude allerdings in ihren Besitz über.

Der Konsum um 1920

Der Verkaufsraum

Der Konsum um 1920 Der Verkaufsraum

Das Haus überstand den Krieg und beherbergte bis 1973 eine Filiale der Verkaufsanstalten Oberhausen (VA). Seit 1980 dient es den türkisch-stämmigen Koloniebewohnern als Moschee.

Der "Konsum" 2006

 

 

Die Moschee 2006. Die Renovierung machte die alten Stuckverzierungen am Erker wieder sichtbar.

Dem Konsum gegenüber stand eine Baracke, in der die GHH 1917 eine Volksküche eingerichtet hatte. Anschließend war hier der "Bauhof" untergebracht, von dem aus eine kleine Handwerkerkolonne alle anfallenden Reparaturen an den Häusern und in den Wohnungen erledigte. Thyssen legte 1991 den Bauhof still und ließ zwei Jahre später die Baracke abreißen, um Platz für private Neubauten zu schaffen.

Die Straßen im denkmalgeschützten Teil der Siedlung tragen noch heute den Namen der alten Gesellschaft. Sie heißen nämlich Gute-, Hoffnung-, Hütte-, Aktien- und Vereinstraße. Die Industriestraße paßt nicht so ganz in diese Reihe.

Hügelstraße 1994Die Häuser auf der südöstlichen Seite der Hügelstraße und im Sackgassenteil der Hüttestraße entstanden erst 1920. Hier plante der Architekt noch einmal im Stile der Gartenstadt Reihenhäuser für zwei und vier Familien mit etwas höherem Komfort. Im Erdgeschoß, das man von draußen durch zwei Eingänge erreichen konnte, lagen die große Küche und ein viel kleineres Wohnzimmer, sowie die Toilette, auch zwanzig Jahre später immer noch ein "Plumpsklo", aber wenigstens im Haus. Im Obergeschoß gab es zwei Schlafzimmer mit teilweise schrägen Wänden. Ein Badezimmer mit fließendem warmen Wasser suchte man vergebens. Es war üblich, sich in der Küche zu waschen und samstags in einer Zinkwanne im Keller zu baden. Das benötigte warme Badewasser kam aus einem fest eingebauten Waschkessel mit Kohlenfeuerung. Auch der Waschkeller und der Kanalanschluß für das Abwasser der Wohnung gehörten zu den Annehmlichkeiten der Zwanziger Jahre.

Südöstlicher Teil der Hüttestraße 1925

Der südöstliche Teil der Hüttestraße 1925

Beim Spielen lernten die Kinder sehr früh, Rücksicht auf die Männer zu nehmen, die Nachtschicht hatten und deshalb am Tage schlafen mußten. Es machte ihnen allerdings keine Schwierigkeiten, einen geeigneten Platz zu finden, wo sie niemand störten. Großer Beliebtheit erfreute sich im Sommer der Stemmersbach, der "im kleinen Büschken" südwestlich der Ziegelstraße aus einer gefaßten Quelle entsprang und bis zur verlängerten Hüttestraße an Bauer Freitags Wiese vorbeifloß. Zwischen der Hüttestraße und dem Kanal unter der Vestischen Straße nahm er dann – immer noch nicht verrohrt – die Abwässer der Kolonie auf.

"Schützenfest" 1951 Hoffnungstraße

 

 

In der Kolonie feierten die Kinder regelmäßig "ihr" Schützenfest, wie hier 1951 auf der Hoffnungstraße.

 

 

Im Zweiten Weltkrieg fielen mehrere Häuser den alliierten Luftangriffen zum Opfer.  Wegen der Engpässe auf dem Baustoffmarkt nach dem Krieg  konnte die GHH erst 1952 die letzten Schäden beseitigen.

Die Bergbau AG Neue Hoffnung, eine durch "Entflechtung" entstandene Nachfolgegesellschaft der GHH, begann 1956 mit der Modernisierung der Kolonie. Im Zuge dieser Arbeiten bekamen die Wohnungen Waschküchen und Badezimmer, sowie einen Anschluß an das Abwassernetz.

1968 erwarb die August-Thyssen-Hütte (ATH) mit den Aktien der ebenfalls "entflochtenen" Hüttenwerk Oberhausen AG (HOAG) auch deren Wohnungsbestand.
Stemmersberg gehörte also der ATH. Die neue Besitzerin ließ in den folgenden Jahren nur die unbedingt notwendigen Instandhaltungsarbeiten ausführen. Verbesserungen in den Wohnungen standen nicht auf dem Plan. Deshalb ergriffen viele Mieter die Initiative und bauten z.B. eine Zentralheizung auf eigene Kosten ein.
1995 verhandelte Thyssen mit der Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen GmbH (LEG) über den Verkauf der Kolonie. In diesem Zusammenhang dachte man auch über einen kompletten Neubau nach.
Die Mieter waren entschlossen, sich für den Erhalt "ihrer" Häuser zu engagieren. Der neugegründete Mieterrat Stemmersberg sollte ihre Interessen gegenüber der LEG vertreten. Diese hatte nämlich 1996  den auf dem weiter oben gezeigten Stadtplan rot angelegten Teil der Kolonie übernommen. Zwischenzeitlich konnte der Mieterrat den ersten Erfolg verbuchen: den vorläufigen Denkmalschutz für die von der LEG erworbenen Häuser. Der endgültige Eintrag in die Denkmalliste der Stadt Oberhausen erfolgte im Oktober 1998.
Die dringend notwendigen Restaurierungsarbeiten begannen im Sommer 1997 nach einem Konzept, das in Abstimmung mit der Denkmalbehörde von der LEG, dem Ministerium für Bauen und Wohnen des Landes NRW, der Stadt Oberhausen und dem Mieterrat Stemmersberg erarbeitet worden war.
Bei der Erneuerung der Dächer stellte sich heraus, daß der Hausschwamm das Holz an vielen Stellen befallen hatte. Der Abriß von 36 Gebäuden schien sich nicht vermeiden zu lassen. Die Arbeiten wurden unterbrochen. Auch jetzt wehrte sich der Mieterrat erfolgreich gegen eine "Totalsanierung mit der Spitzhacke". 2001 fanden die Fachleute schließlich für das Hausschwamm-Problem eine technische Lösung, die allerdings fast 6 Millionen Euro kostete.

Trotz aller durch die Bauarbeiten verursachter Unannehmlichkeiten vergaßen die Stemmersberger den 100. Geburtstag der Kolonie nicht. Sie veranstalteten am 5. Mai 2001 aus diesem Anlaß ein großes Straßenfest. Die WAZ berichtete:
"… Unter dem Motto: 100 Jahre - 100 DM, spendierte die Landesentwicklungsgesellschaft NRW GmbH (LEG) jedem Mieter 100 Mark. Der Knappenchor Osterfeld brachte der ehemaligen Bergmannssiedlung mit dem Steigerlied ein besonders schönes Ständchen und die Mitglieder der Stemmersberg e.V. stellten ein aktionsreiches Programm für groß und klein auf die Beine. So konnten sich die Kinder beispielsweise beim Bierkistenklettern ausprobieren oder am Glücksrad schöne Preise gewinnen. Mutigere und schwindelfreie Zeitgenossen konnten auf einem Kranwagen in luftige Höhen emporsteigen, um sich die Siedlung mal aus der Vogelperspektive anzuschauen. Reibekuchen, Erbsensuppe, türkischen Gerichte, Kuchen und die verschiedensten Getränke standen zur Stärkung bereit."

Siedlung Stemmersberg 2001



Diese Postkarte zeigt die restaurierte Kolonie 2001

Im Dezember 2002 erstrahlten die Wohnhäuser in neuem Glanz. Die LEG hatte ihren Teil erfüllt.
Die Renovierung der Stallgebäude, den Bau einer Regenwasserversickerungsanlage und die Gestaltung der Höfe wollten die Mieter in Nachbarschaftshilfe übernehmen. Zu diesem Zweck gründeten sie 1997 den Stemmersberger e.V., der als Bauherr auftrat. Allgemeine Fördermittel kamen vom Land NRW und der LEG. Die IBA Emscherpark unterstützte das Projekt finanziell unter dem Namen "Initiative ergreifen", und die Emschergenossenschaft stellte aus ihrem Etat "Ökologisch ausgerichteter Umgang mit Regenwasser in Siedlungsgebieten" ebenfalls Gelder bereit.
Im März 2006 hatten die Kolonnen die Hälfte geschafft. Bis 2009 sollen alle Außenarbeiten erledigt sein.

Ein Schweizerhaus 2003

Hügelstraße 2003

Ein Schweizerhaus auf der Westerwaldstraße 2003 Ein Haus im Kreuzgrundriß auf der Hügelstraße 2003
Das Jugendhaus Stemmersberg 2003 Ein Hof auf der Hoffnungstraße 2003

Der Stemmersberger e.V. kaufte von der LEG ein Gebäude auf der Hoffnungstraße, das 1993 durch eine Gasexplosion erheblich beschädigt wurde. Im Kaufvertrag verpflichtete sich der Verein, das Objekt denkmalgerecht zu erneuern und als "Gemeinschaftshaus" einzurichten. Für die Bewohner werden nach der Fertigstellung ein großer Versammlungsraum mit einer Küche und den erforderlichen sanitären Anlagen, eine volleingerichtete Werkstatt für Metall- und Holzbearbeitung sowie in der oberen Etage zwei Büros und zwei Räume für kleinere Gruppen zur Verfügung stehen.

Die Bauarbeiten begannen im Frühjahr 2004, und schon im November hing der Richtkranz über dem Dachstuhl. Die umfangreichen Innenarbeiten nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Die Verantwortlichen waren aber im März 2006 fest davon überzeugt, daß sie die Räume noch im laufenden Jahr mit einem zünftigen Fest ihrer Bestimmung übergeben können. Dann sollen auch die Anlagen rund um das Gemeinschaftshaus in neuem Glanz erstrahlen. Der Förderwagen der 1992 stillgelegten Zeche Osterfeld erinnert daran, daß die Gutehoffnungshütte die Kolonie für Bergleute dieser Schachtanlage gebaut hat.

© Fritz Pamp

   

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