Die Kolonie Stemmersberg

Aus Platzmangel kann die GHH in Eisenheim II nicht alle Häuser bauen, die für die weiter wachsende Belegschaft der Zeche Osterfeld benötigt werden. Deshalb entschließt sie sich 1902, auf ihrem Grundstück zwischen der Vestischen-, Westerwald- und Hügelstraße eine neue Kolonie mit 438 Wohnungen zu errichten. Die Osterfelder nennen dieses Gelände "Stemmersberg", weil es ursprünglich zum Hof des Bauern Stemmer gehört. Durch Erbfolge kommt das Anwesen in den Besitz des Landwirts Wilhelm Kötter genannt Freitag, der einen Teil 1890 an die Gutehoffnungshütte verkauft.

In dieser Kolonie bin ich geboren und aufgewachsen, deshalb erinnere ich mich an viele Details besonders deutlich. Die eineinhalbgeschossigen Backsteinhäuser haben, bis auf wenige Ausnahmen an den östlichen Enden der Hügelstraße und der Westerwaldstraße, den schon in Eisenheim bewährten "Kreuzgrundriß". In jede Wohnung führt auf den vier Hausseiten ein eigener Eingang. Die 65 m² großen Wohnungen verteilen sich über zwei Geschosse. Von einem schmalen Treppenflur gelangt man auf jeder Etage links und rechts in je ein Zimmer, vom Erdgeschoß zusätzlich noch in den Keller. Diese Raumaufteilung ist für Schichtarbeiter besonders günstig. Sie können im Dachgeschoß ungestört schlafen, während die Kinder unten spielen. Zu jeder Wohnung gehört, in einem Gebäude auf dem Hof, ein Stall für die Haltung von Kleinvieh und eine Toilette, ein "Häuschen" alten Stils mit einem Herz in der Tür. Außerdem steht jeder Familie ein Garten zur Verfügung.

Bild 67: Häuser im Kreuzgrundriß an der Hüttestraße

Bild 67: Häuser im Kreuzgrundriß an der Hüttestraße

In den Wohnungen gibt es nur in der Küche fließendes Wasser, das Abwasser läuft quer über den Bürgersteig in eine Rinne am Straßenrand, die sogenannte "Gösse". Am Waschtag steht die Holzbottich-Waschmaschine mit Handantrieb oder mit Wassermotor, je nach Lage der Wohnung, entweder auf dem Bürgersteig oder auf dem Hof. Die Frauen kochen die schmutzige Wäsche im Waschkessel auf dem grundsätzlich mit Kohle beheizten Küchenherd, schleppen sie nach draußen und füllen sie in die Waschmaschine um.

Die weiteren Arbeiten wie nachwaschen, spülen und wringen erledigen sie von Hand außerhalb des Hauses. Anschließend tragen sie die Wäsche in den Garten und hängen sie zum Trocknen auf. Nur bei strengem Frost oder Dauerregen wird im Flur gewaschen und an der Herdstange getrocknet. Um die Kapazität zu vergrößern, gibt es über jedem Herd ein Trockengestell mit ausklappbaren Stangen. Besonders viel Mühe machen die Arbeitsanzüge, die die Männer samstags nach der Schicht, in ein blaukariertes Handtuch geknotet, nach Hause bringen. Diese "Püngel" müssen bis Montag nicht nur (zur Schonung der Maschine auf dem "Brett") gewaschen, sondern auch geflickt sein. Und wenn ein Sohn oder ein Kostgänger ebenfalls auf der Zeche arbeiten, sind es sogar mehrere Garnituren! Von Sonntagsruhe kann für die Hausfrauen in solchen Fällen keine Rede sein. Sie nehmen die zusätzlichen Mühen, die sie mit dem Untermieter haben, jedoch in Kauf, weil das Kostgeld einen großen Teil der Wohnungsmiete abdeckt.

Bild 68: Waschtag in der Kolonie

Bild 68: Waschtag in der Kolonie

Zur Kolonie gehört auch das Jugendhaus Stemmersberg an der Gutestraße mit einem Kindergarten und einer Haushaltungsschule, sowie ab 1912 der "Konsum" an der Ecke Ziegelstraße / Hügelstraße. Eine kleine Handwerkerkolonne erledigt vom gegenüberliegenden "Bauhof" aus alle anfallenden Reparaturen an den Häusern und in den Wohnungen. Der elektrische Strom und das Wasser kommen aus den werkseigenen Netzen.

Die neuen Straßen in der Siedlung tragen noch heute den Namen der alten Gesellschaft. Sie heißen nämlich Gute-, Hoffnung-, Hütte-, Aktien- und Verein-Straße. Die Industriestraße paßt nicht so ganz in diese Reihe.

Die Häuser auf der südlichen Seite der Hügelstraße, dazu gehört auch mein Elternhaus, entstehen erst 1924. Hier weicht der Architekt vom Kreuzgrundriß ab und plant Reihenhäuser für zwei und vier Familien mit etwas höherem Komfort. Im Erdgeschoß, das man von draußen durch zwei Eingänge erreichen kann, liegen die große Küche und ein viel kleineres Wohnzimmer, sowie die Toilette, auch zwanzig Jahre später immer noch ein "Plumpsklo", aber wenigstens im Haus. Im Obergeschoß gibt es zwei weitere Zimmer mit teilweise schrägen Wänden. In dem einen schlafen die Eltern, in dem anderen mein Bruder und ich. Ein Badezimmer mit fließendem warmen Wasser sucht man vergebens. Wir waschen uns in der Küche und baden samstags in einer Zinkwanne im Keller. Das benötigte warme Badewasser kommt aus einem fest eingebauten Waschkessel mit Kohlenfeuerung. Auch der Waschkeller und der Kanalanschluß für das Abwasser der Wohnung gehören zu den Annehmlichkeiten der Zwanziger Jahre.

Bild 69: Haus an der südlichen Hügelstraße

Bild 69: Haus an der südlichen Hügelstraße

Beim Spielen lernen die Kinder sehr früh, Rücksicht auf die Männer zu nehmen, die Nachtschicht haben und deshalb am Tage schlafen müssen. Es macht ihnen allerdings keine Schwierigkeiten, einen geeigneten Platz zu finden, wo sie niemand stören. Besonders beliebt ist da im Sommer der Stemmersbach, der zwischen der Ziegelstraße und der verlängerten Hüttestraße offen an Bauer Freitags Wiese vorbeifließt. Zwischen der Hüttestraße und dem Kanal unter der Vestischen Straße nimmt er dann – immer noch nicht verrohrt – die Abwässer der Kolonie auf.

Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häuser werden wieder aufgebaut.
Im Januar 1961 beginnt die Sanierung der Kolonie. Im Zuge dieser Arbeiten bekommen die Wohnungen Waschküchen und Badezimmer, sowie einen Anschluß an das Abwassernetz.

© Fritz Pamp

   

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