Die Formsandgewinnung
Im Osten des Osterfelder Gemeindegebietes lagert in einer bis zu 20 m mächtigen Schicht ein feiner, lehmiger Sand mit hohem Tonanteil, der sich sehr gut als Formsand in Gießerei- und Hüttenbetrieben eignet. Das Vorkommen, vor etwa 100 Mill. Jahren in der Kreidezeit entstanden, ist von einer eiszeitlichen, 6 m dicken Kiesschicht überdeckt. Die Geologen bezeichnen die Ablagerung als "Osterfelder Sande". Schon die Former auf der Antony-Hütte benutzen den Sand, natürlich nur in kleinen Mengen. Die Nachfrage steigt je-doch parallel mit den Produktionszahlen der Eisen- und Stahlindustrie an. Im Laufe der Jahre weitet sich der Markt auf ganz Europa aus, ja sogar in Übersee wissen die Hüttenleute die Qualität des Formsandes aus Osterfeld zu schätzen.
Anfangs gewinnen einige Bauern und Kötter den Sand auf dem eigenen Grund und Boden und beliefern die Hütten in der näheren Umgebung selbst. Als kleine Sandlieferanten tauchen noch heute im Stadtteil bekannte Namen wie z.B. Freitag, Kathage, Lüger und Rübekamp auf. Mitte des 19. Jahrhunderts verlagert sich der Abbau auf wenige Großbetriebe, die ihre Kunden zunehmend mit der Eisenbahn versorgen. Die Sandgruben liegen nördlich und südlich der Bottroper Straße. Schwere Pferdefuhrwerke bringen den Sand zum Bahnhof Oberhausen und später (1873) zum Bahnhof Osterfeld Süd.
Bild 59: Lage der Osterfelder Sandgruben
Die erste große Sandgrube in Osterfeld nimmt Franz Kleine-Brockhoff 1852 nördlich der Bottroper Straße am Vonderberg in Betrieb. 1872 droht ganz in der Nähe Konkurrenz, als Gerhard Kleinefenn und Heinrich Dickmann, der schon in Bottrop im großen Stil Sand gewinnt, beschließen, auf gemeinsame Rechnung am Wienberg in Vonderort ebenfalls Formsand abzubauen. Die beiden Partner wählen den Standort, weil die Trasse der fast fertiggestellten Emschertalbahn ganz in der Nähe vorbeiführt, und weil das Gelände in weitem Umkreis unbebaut ist. Es dauert allerdings fast vier Jahre, bis die geplante Anlage voll produzieren kann.
Zuerst holzen die Arbeiter den Wald in breiter Front ab und gewinnen auf dieser Lichtung den Kies herein. Anschließend graben sie einen Einschnitt bis zum Tiefsten des Formsandlagers und stellen eine Rampe für den Abtransport her. In den schon bestehenden Gruben zeigt sich nämlich, daß eine möglichst steile Wand die Gewinnungsarbeit nach folgender Methode sehr erleichtert:
Die Sandgräber stechen in mehreren Kolonnen hintereinander in ungefähr 1 Meter Breite den Sand spatentief ab und arbeiten sich so "scheibchenweise" von oben nach unten vor. Am Fuße der Wand schaufeln andere Mitarbeiter das heruntergefallene Haufwerk auf Fuhrwerke oder später in Feldbahnloren. (Bild 62)
Das Geschäft entwickelt sich so gut, daß die eingesetzten Gespanne den Transport zum Bahnhof Osterfeld Süd nur mit Mühe bewältigen. Ein direkter Bahnanschluß für die Grube soll diesen Engpaß beseitigen. Und da die Westfälische Eisenbahngesellschaft 1879 für ihre neue Strecke ganz in der Nähe an der Emsstraße einen Bahnhof baut, läßt sich sogar die Idee verwirklichen, einen mit Feldbahnschienen ausgerüsteten Ablaufberg von der Gewinnungsstelle am Wienberg bis zur neuen Verladung am Westfälischen Bahnhof zu errichten. Auf dieser Bahn rollen die beladenen Wagen mit eigener Kraft zu Tal. Pferde bringen die Leerwagen zum Betrieb zurück.
Bis zur Stillegung der Strecke im Oktober 1884 befördert die Westfälische Eisenbahn den Sand zu den Abnehmern. Anschließend bedient die inzwischen verstaatlichte Emschertalbahn den Werksanschluß weiter.
Im Jahre 1892 gibt die Firma Kleinefenn die Grube am Wienberg zusammen mit der Übergabestelle auf und verlagert die Förderung auf einen neuen Betrieb, der nördlich der Bottroper Straße liegt. Dieser ist, ebenfalls über eine Schmalspurbahn, von Anfang an in Höhe der Koppenburgstraße an die Rheinische Bahn und damit an den Bahnhof Osterfeld Nord angebunden. Zwei Züge, die aus je einer Dampflok und 14 Loren mit einem 5 Tonnen fassenden Holzaufbau bestehen, verkehren zwischen der Gewinnungs- und der Verladestelle. Die neue Technik erfordert eine Werkstatt und einen Lokschuppen, deshalb beschäftigt das Unternehmen neben den Sandgräbern nun auch Schlosser, Dreher, Schreiner, Stellmacher und Lokführer.
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Bilder 60/61: Die Betriebsanlagen an der Koppenburgstraße
Linkes Bild: Werkstatt und Lokschuppen
Rechtes Bild: Sandverladung
Nach der Jahrhundertwende liefert Kleinefenn nicht nur Formsand an seine Kunden, wie der Text einer Anzeige aus dem Jahre 1903 beweist:
Gerh. Kleinefenn, Osterfeld i. W.
Grösstes Spezialgeschäft am Platze.
Spezialität:
Formsand für sämtliche Giessereizwecke,
in verschiedenen Sorten für Eisen, Stahl und Metallguss.
Schweiss-, Mauer-, Verputz-, Ziegel-, Pflaster- und Decksand.
Kies für Bahnzwecke, Beton- und Holzcement.
Wegebaukies. ff. Gartenkies. Perlkies.
Kieselquarzit zur Herstellung feuerfester Produkte.
Versandt ab Station Osterfeld-Nord. Eigener Bahnanschluss.
Vertrieb nach In- u. Ausland.
(zitiert nach Hellmann, 1990)
Bild 62: Sandgewinnung von Hand
Bis 1908 erreicht die Abbaufront die Bottroper Straße. Die auf der gegenüberliegenden Seite anstehenden Vorräte werden anschließend gewonnen und durch einen Tunnel mit der vorhandenen Bahn abgefördert. 1911 hält die Mechanisierung ihren Einzug in die Grube. Die Firma schafft für den Kiesabbau einen Eimerkettenbagger an und baut eine Sieberei, die dieses Produkt in die von den Kunden gewünschten Korngrößen sortiert. Und als sich ein gebraucht erworbener Dampfbagger an der Formsandwand bewährt, nimmt 1915 ein fabrikneues Gerät gleicher Type den Betrieb auf.
Der Bagger lief auf Normalspurschienen, die auf Holzschwellen befestigt waren. Das Baggergleis bestand aus drei Matratzen, so nennt man die einzelnen Gleisteile. Sobald der Bagger die vordere Gleispartie erreicht hatte, wurde das hinter ihm liegende Stück abgelascht und mit der Baggerschaufel (dem Löffel) auf das vorbereitete Plateau gesetzt und wieder angelascht.
Für den Betrieb des Baggers waren 6 Arbeiter notwendig. Es waren ein Heizer, ein Baggerführer und vier Arbeiter zur Einebnung des Geländes für die Gleise. Der Bagger hatte ein Gewicht von 60 Tonnen. Mit gewaltigen Handhebeln, die sich im Bagger befanden, wurden die ebenfalls im Gehäuse befindlichen großen Seiltrommeln gesteuert.
(Hellmann, 1990)
Während des Ersten Weltkrieges nehmen Frauen die Stellen der eingezogenen Belegschaftsmitglieder ein. Sie stehen allerdings nicht "in der Wand", sondern sie verladen den weiterhin von Männern abgestochen Sand in die Loren. 1917 beschäftigt die Osterfelder Grube insgesamt 330 Mitarbeiter/innen.
Der Vollständigkeit halber soll auch die weitere Entwicklung der Formsandgewinnung in Osterfeld kurz skizziert werden.
Der Zweite Weltkrieg richtet in der Grube große Schäden an, eine Wiederaufnahme des Betriebes erweist sich als unmöglich. Wegen des akuten Materialmangels beginnen die Aufbauarbeiten erst Mitte 1946. Im nächsten Jahr gelingt ein bescheidener Neuanfang. Als die Stahlindustrie nach der Währungsreform boomt, setzt das Unternehmen auch im Formsandabbau einen Eimerkettenbagger ein und kann so täglich bis zu 1 200 t des begehrten Produktes auf den Markt bringen.
1965 stellt die Firma Kleinefenn die Sandverladung an der Koppenburgstraße ein, weil sich die Bagger weit auf Bottroper Gebiet vorgearbeitet haben. Der Weg zur Verladestelle in der Nachbarstadt ist kürzer geworden als zum Bahnhof Osterfeld Nord.
Damit endet auch die Geschichte der Sandgräberei in Osterfeld. Die Bottroper Formsandgruben fördern noch bis 1986.
Die Osterfelder Tagebaue dienen der Stadt Oberhausen ab 1965 als Mülldeponie, in Teilbereichen werden sie auch mit Waschbergen verfüllt. Auf dem Gelände errichten der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk und die Stadt Bottrop nach der Rekultivierung 1974/75 die Spiel- und Sportlandschaft des Revierparks Vonderort sowie 1995 den Gesundheitspark Quellenbusch.
Bild 63: Solbad im Revierpark Vonderort
© Fritz Pamp






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